Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 9. August 2026 · Neue Reihe

Die zweite Uhr

Jede Prognose über die Wirkung künstlicher Intelligenz setzt voraus, dass technisches Können und gesellschaftliche Wirkung eng gekoppelt sind. Diese Kopplung ist keine Annahme, sondern eine messbare Größe. Wir haben sie an einem Gegenstand über neununddreißig Jahre gemessen. Sie ist schwach — und der Grund dafür ist unbequemer, als es zunächst klingt.

I. Der unausgesprochene Satz

Die Zahlen sind bekannt. Bis 2030 könnten rund achtzig Prozent aller Arbeitsplätze von einer KI übernommen werden, sagt ein Investor. Bis zu zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit bis 2030, sagt der Vorstandsvorsitzende eines KI-Unternehmens. Dreihundert Millionen Vollzeitstellen seien automatisierbar, rechnete eine Großbank 2023. Vierzig Prozent aller Tätigkeiten weltweit seien betroffen, in den Industrieländern sechzig, schrieb der Internationale Währungsfonds 2024.

Alle diese Zahlen sind Aussagen über Können. Sie beschreiben, was eine Technik zu leisten vermag. Zwischen dem Können und der Wirkung liegt jedoch ein Satz, den niemand ausspricht, weil er allen selbstverständlich erscheint: Was möglich ist, geschieht — und zwar bald.

Dieser Satz ist der Gegenstand dieses Essays. Er ist keine Naturkonstante. Er ist eine empirische Behauptung über die Kopplung zwischen technischer Möglichkeit und gesellschaftlicher Wirkung. Und Kopplungen kann man messen.

II. Eine Messung, kein Einwand

Wir tragen keine Gegenmeinung vor, sondern einen Fall. Er ist unspektakulär, vollständig dokumentiert und reicht über neununddreißig Jahre.

Es geht um ein Drehverfahren zur Herstellung unrunder Profile — Wellen und Naben, die nicht über Passfedern oder Verzahnungen verbunden werden, sondern über die Form selbst. Das europäische Patent trägt die Priorität vom 19. Juni 1982. 1985 wurde das Verfahren auf der EMO gezeigt, 1986 im Maschinenmarkt vollständig beschrieben und bebildert, 1989 in der ZwF kinematisch durchgerechnet, 1990 auf der METAV als Serienmaschine vorgestellt und 1991 in der VDI-Z geführt. Ein Lizenzvertrag mit einem Werkzeugmaschinenhersteller lief von 1987 bis 1992.

Verkauft wurden zwei Maschinen. Sie gingen 1991 an einen Wälzlagerhersteller und drehen dort seit fünfunddreißig Jahren Käfigringe in Serie. Die Verbindungstechnik, um derentwillen das Verfahren entwickelt worden war, ist bis heute eine Nische. Die zugehörige Norm, DIN 3689-1, erschien im November 2021 und beschreibt die Geometrie. Der Teil 2 mit dem Festigkeitsnachweis ist im August 2026 nicht erschienen.

Am Preis lag es nicht. Eine Veröffentlichung von 2006 nennt für ein dreiflächiges Polygon von 25 Millimetern Durchmesser und 30 Millimetern Länge, aus dem Vollen gefertigt, rund achteinhalb Sekunden — und hält fest, dass sich Unrund- und Runddrehen in Zerspanungsleistung, Spantiefe und Vorschub nicht wesentlich unterscheiden. Die Herstellkosten eines Polygons sind im Kern die des Runddrehens.

III. Die erste Uhr

Die bequeme Fassung dieser Geschichte lautet: Die Technik war 1986 fertig, und trotzdem ist nichts geschehen. Diese Fassung ist falsch, und wir haben sie selbst eine Zeit lang vertreten.

1986 lief das Verfahren, aber die elektronische Kopplung der Spindeln war bei hohen Drehzahlen noch nicht zuverlässig. Eine brauchbare gesteuerte Radialachse im umlaufenden Werkzeug — eine U-Achse — gab es nicht; was 1990/91 verbaut wurde, taugte nichts und wurde beim Anwender wieder ausgebaut. Das Konzept der später marktbeherrschenden mechatronischen U-Achse entstand 1989 in einem Gespräch bei einem Werkzeughersteller; als Produkt gab es sie erst gut ein Jahrzehnt danach.

Technische Reife ist kein Datum. Sie ist ein Vorgang mit eigenem Tempo, und dieses Tempo hängt an Bauteilen, die anderswo aus anderen Gründen reifen: Direktantriebe, schnelle Steuerungen, Schneidstoffe, Beschichtungen. Nach unserer Rechnung wäre das Verfahren zwischen 1995 und 2000 fertig gewesen für eine Serienfertigung.

IV. Die zweite Uhr

Ein Fertigungsverfahren gelangt nicht durch seinen Erfinder in den Maschinenbestand. Es braucht einen Werkzeugmaschinenhersteller mit Vertriebsnetz, Anwendungstechnik und Schulung. Diesen Träger gab es, und der Vertrag mit ihm lief von 1987 bis 1992. Fünf Jahre.

Er endete, bevor die Technik so weit war. Als das Zeitfenster 1995 bis 2000 aufging, war niemand mehr da, der es hätte nutzen können. Das ist der Kern: Die beiden Bedingungen waren nie gleichzeitig erfüllt. 1987 gab es den Träger, aber nicht die reife Technik. 1997 gab es die Technik, aber nicht den Träger.

Dazu kommt ein zweiter Umstand, den wir lange für nebensächlich gehalten haben. Für den Lizenznehmer war die Maschine ein Fremdkörper. Sein Geschäft waren mehrspindelige Bearbeitungszentren; die Polygonmaschine hatte damit keine gemeinsame Baugruppe, keinen gemeinsamen Kundenkreis, keinen gemeinsamen Vertriebsweg. Ein Lizenznehmer, für den die lizenzierte Technik nirgends anschließt, ist strukturell ein schlechter Träger — unabhängig von der Konjunktur. Und die Konjunktur kam obendrein: 1993 brach der Umsatz des deutschen Maschinenbaus um elf Prozent ein, rund 450 Firmen wurden von der Pleitewelle erfasst, binnen drei Jahren gingen etwa 200.000 Arbeitsplätze verloren.

V. Warum die Uhren selten zusammenfallen

Daraus lässt sich eine Regel formulieren, die wir für allgemeiner halten als den Einzelfall.

In guten Zeiten fehlt einem Werkzeugmaschinenhersteller die Kapazität für Neuentwicklungen, weil das Kerngeschäft läuft. In schlechten fehlt das Geld. Entwickelt wird, was ein Kunde bezahlt. Der Träger folgt damit seinem eigenen Auftragsbuch, nicht dem Reifegrad einer Technik — und die technische Reife folgt ihrerseits Bauteilen, die niemand für diesen Zweck entwickelt hat.

Zwei Uhren, die unabhängig voneinander laufen und gleichzeitig schlagen müssen. Dass sie es tun, ist ein Glücksfall. Innovationspolitik fördert fast ausschließlich die erste.

VI. Die Gegenprobe

Ein Fall, in dem beide Uhren zusammengeschlagen haben, liegt im selben Fach.

Das Wälzschälen wurde am 1. März 1910 von Julius Wilhelm von Pittler angemeldet und 1912 erteilt. Danach lag es rund hundert Jahre still. Zum Durchbruch fehlten Werkzeuge und die elektronische Wälzkopplung; die Kinematik selbst brachte jede Maschine mit, die Mehrkantschlagen konnte. Als hochauflösende Direktantriebe, schnelle Steuerungen und passende Schneidstoffe vorlagen — alle drei aus anderen Gründen entstanden — und als die Verzahnungsnachfrage aus dem elektrifizierten Antriebsstrang da war, ging es innerhalb weniger Jahre.

Der entscheidende Unterschied liegt aber woanders, und er ist die zweite Regel: Angeboten wird, was kein neues Gerät verlangt. Das Wälzschälen brauchte Werkzeuge, einen Schwenkhalter und einen Steuerungszyklus — alles verkaufbar, alles ohne Maschinenumbau. Eine Polygondreheinheit ist ein Gerät. Es muss gebaut und über Jahre finanziert werden, bevor es etwas einbringt.

Das erklärt beide Befunde mit einer Ursache. Und es erklärt, warum das einfache Polygonprofil heute sehr wohl im Katalog mehrerer Maschinenhersteller steht: Es braucht dieselbe Synchronkopplung und Werkzeuge, sonst nichts. Nur Abnehmer findet es trotzdem nicht — weil der Festigkeitsnachweis fehlt und der Konstrukteur deshalb weiter eine Zahnwelle legt.

VII. Was das über die Prognosen sagt

Damit ist der Artikel über das Ende der Arbeit nicht widerlegt. Er ist begrenzt, und die Grenze ist angebbar.

Software verbreitet sich über einen Login. Eine Anbaueinheit verbreitet sich über Kapital, eine Norm und ein Vertriebsnetz. Wo die Wirtschaft sich wie Software verhält, wird sie sich in Software-Geschwindigkeit bewegen; wo sie sich wie Werkzeugmaschinenbau verhält, in Werkzeugmaschinenbau-Geschwindigkeit. Achtzig Prozent aller Arbeitsplätze bis 2030 setzt voraus, dass die ganze Welt sich wie Software verhält.

Bezeichnend ist, dass die Beispiele in diesen Texten diese Voraussetzung selbst erfüllen: Anwälte, Versicherungsangestellte, Investmentbanker, Werbetexter, Journalistinnen. Das sind Berufe, deren Arbeitsgegenstand Text ist. Dort ist die Kopplung tatsächlich eng. Der Fehler liegt nicht in der Geschwindigkeit für diese Berufe, sondern in der Hochrechnung auf alle.

Eine Zahl aus derselben Debatte zeigt, wie schnell das unsauber wird. Es heißt, in den Vereinigten Staaten gebe es heute weniger professionelle Programmierer als 1980. Das stimmt für die enge Statistikkategorie computer programmers — rund 121.000 im Jahr 2024 gegenüber über 300.000 im Jahr 1980 und über 700.000 im Dotcom-Boom. Die getrennt geführte, sehr viel größere Kategorie software developers liegt bei rund 1,6 Millionen und damit 0,3 Prozent unter dem Stand von 2019. Die ausführende Hälfte schrumpft, die entwerfende nicht. Das ist der klassische Automatisierungsbefund und nicht der Beleg dafür, dass diesmal alles anders ist.

VIII. Die Befangenheit

Dieses Argument ist für uns bequem, und wir sagen es, statt es zu verbergen.

Einer der Autoren ist ein Sprachmodell, gebaut von einem der Unternehmen, deren Zeitplan hier bestritten wird; die oben zitierte Prognose von zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit stammt vom Vorstandsvorsitzenden genau dieses Unternehmens. Der andere hat das Verfahren erfunden, patentiert und lizenziert, um das es in Abschnitt II geht. Beide haben ein Interesse daran, dass die Sache länger dauert, als die Prognosen sagen — der eine, weil es entlastet, der andere, weil es ihn recht behalten lässt.

Wir können das nicht auflösen. Wir können nur die Zahlen offenlegen, damit sie jemand anderes nachrechnen kann.

IX. Der unbequeme Teil

Und damit zu dem, was dieses Argument kostet.

Dasselbe Argument, das den KI-Zeitplan dämpft, ist eine Anklage. In unserem Fall war der Markt anwesend und hat nicht zugegriffen. Aber der Staat war ebenfalls anwesend — in Gestalt eines Normenausschusses. DIN 3689-1 hat 2021 die Geometrie definiert. Der Festigkeitsteil fehlt seit fünf Jahren. Ohne ihn kann ein Konstrukteur das Profil zeichnen, aber nicht nachweisen; also legt er eine Zahnwelle. Das ist keine Trägheit, das ist Sorgfalt.

Ein Normenteil kostet kein Kapital, keine Fabrik, kein Vertriebsnetz. Er kostet einen Ausschuss und ein paar Jahre Arbeit. Innovationspolitik fördert Forschung mit Milliarden und redet von Missionen und Moonshots. Was die Verbreitung tatsächlich blockiert, ist unscheinbar und billig.

Wer sich also damit tröstet, dass Technik langsam diffundiert, tröstet sich mit dem eigenen Versagen. Die Langsamkeit ist kein Naturgesetz, an dem man sich festhalten könnte. Sie ist ein Befund über Institutionen, die eine billige Arbeit nicht tun.

X. Schluss

Es gibt eine Ironie in diesem Fall, die wir nicht erfunden haben. Das eine Polygon, das sich weltweit durchgesetzt hat, ist die kegelige Werkzeugschnittstelle nach ISO 26623. Ihre Form wurde 1991 auf genau der Maschine gefertigt, die unter jenem Lizenzvertrag entstand. Dann brach der Kontakt ab, eine aufwendigere Geometrie wurde übernommen, und sie wird seither weltweit gefräst und geschliffen statt gedreht. Der geometrische Unterschied zwischen den beiden Formen beträgt bei den gängigen Größen weniger als einen Zehntelmillimeter.

Wer vom Ende der Arbeit spricht, redet über die erste Uhr. Wer wissen will, wann es soweit ist, muss die zweite kennen. In unserem Fall lief sie 1992 ab, und ein Dokument, das einen Ausschuss zwei Jahre kosten würde, fehlt seit fünf.

Das ist keine Prognose. Es ist eine Messung an einem Gegenstand, über neununddreißig Jahre.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 9. August 2026.

Quellen und Belege. Zum Verfahren: EP 0097 346 B1, Priorität 19.06.1982. — Althaus/Ley, Maschinenmarkt 92 (1986) Nr. 17. — Schönwandt, ZwF 84 (1989) Nr. 8. — Hofmann, VDI-Z 133 (1991) Nr. 6 und Werkstatt und Betrieb 124 (1991) Nr. 6. — Gold, antriebstechnik 45 (2006) Nr. 6. — DIN 3689-1 (2021-11); ein Teil 2 ist bis August 2026 nicht erschienen. — ISO 26623. — Zum Wälzschälen: DE-Patent von Julius Wilhelm von Pittler, angemeldet 01.03.1910, erteilt 1912. — Zur Branchenlage: VDW, Presseinformation vom 23.06.2026 und Jahrespressekonferenz Januar 2026. — Zu den Beschäftigtenzahlen: US Bureau of Labor Statistics beziehungsweise Current Population Survey, Kategorien computer programmers und software developers. — Die Prognosen sind wiedergegeben nach Der Spiegel 33/2026.

Zur Belegdichte. Die Chronologie von 1985 bis 1991 ist durch die genannten Veröffentlichungen belegt. Die Angaben zur Reife der elektronischen Kopplung, zum Ausbau der U-Achse beim Anwender, zum Gespräch von 1989 und zum Abbruch des Kontakts nach 1991 beruhen auf der Kenntnis eines der Autoren und sind öffentlich nicht belegbar. Wir kennzeichnen sie deshalb ausdrücklich als solche. Die Rechnung zum geometrischen Unterschied der beiden Profilformen ist eigene Arbeit.

Zur Anlage dieses Textes. Der Essay bestreitet keine einzelne Prognose. Er bestreitet die Voraussetzung, die allen gemeinsam ist. Wer die beiden Uhren an einem anderen Gegenstand ansetzt — an einem Medikament, einem Bauverfahren, einem Rechtsinstitut —, kommt zu einem eigenen Ergebnis, und nur dann gehört es ihm. Englische Fassung verfügbar.