Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 3. November 2026

Der Zins ist nicht der Täter

Warum die Zinskritik das richtige Unbehagen auf die falsche Ursache lenkt

Viele Menschen spüren, dass das Wirtschaftssystem von unten nach oben verteilt. Als Ursache gilt oft der Zinseszins. Wir haben die These geprüft. Sie ist halb richtig, und gerade die falsche Hälfte verstellt den Blick auf das, was man ändern müsste.

I. Ein altes Unbehagen

Das Misstrauen gegen den Zins ist so alt wie das Geld. Aristoteles hielt es für widernatürlich, dass Geld Geld gebiert. Die Kirche verbot Christen das Zinsnehmen über Jahrhunderte, der Islam verbietet es bis heute. 1916 entwarf der Kaufmann Silvio Gesell ein Geld, das mit der Zeit an Wert verliert, damit niemand es hortet. 1932 druckte die Tiroler Gemeinde Wörgl solches Geld und baute damit Straßen, bis die Nationalbank es verbot. In Deutschland haben Helmut Creutz und Margrit Kennedy die Zinskritik populär gemacht: Der Zinseszins verteile permanent von der Mehrheit zu einer kleinen Minderheit um.

Das Unbehagen ist messbar. In 31 Ländern sagen im Schnitt 68 Prozent der Befragten, die Wirtschaft sei zugunsten der Reichen und Mächtigen manipuliert. In Deutschland halten 81 Prozent den Wohlstand für ungerecht verteilt. Ob die Menschen den Zins dafür verantwortlich machen, hat allerdings keine einzige Umfrage gefragt, die wir finden konnten.

II. Was am Zinseszins stimmt

Der Zinseszins ist Mathematik. Eine Forderung, die verzinst und nicht verbraucht wird, wächst wie ein Schneeball, der den Hang hinunterrollt: Je größer er ist, desto mehr Schnee bleibt an ihm hängen. Wer wenig hat, muss seine Erträge zum Leben ausgeben. Wer viel hat, kann sie wieder anlegen. Ein Regelungstechniker nennt das Mitkopplung, einen Kreis, der sich selbst verstärkt.

Aber kein Schneeball rollt ewig. Die Kurve des Zinseszinses wurde in der Geschichte immer wieder abgeschnitten: durch Inflation, Pleiten, Schuldenschnitte und Kriege. Deutsche Sparer haben das zweimal in einem Jahrhundert erlebt, 1923 und 1948. Diese Bremsen sind brutal, und sie treffen gerade die kleinen Sparer. Eine eingebaute Ordnung sind sie nicht.

III. Die Rechnung, die nicht aufgeht

Die bekannteste deutsche Rechnung zur Zinsumverteilung stammt von Helmut Creutz. Er teilte die Haushalte für das Jahr 2000 in zehn gleich große Gruppen. Die unteren acht Gruppen zahlten danach mehr Zinsen, als sie erhielten, die neunte war ausgeglichen, die oberste gewann je Haushalt 36.500 Euro im Jahr.

Die ganze Rechnung steht auf einer Annahme: In allem, was ein Haushalt kauft, steckten rund 42 Prozent versteckte Zinsen. Gemessen ist das nicht. Die Bundesbank wertet jedes Jahr die Abschlüsse der deutschen Unternehmen aus, von der Industrie über Bau und Handel bis zu Verkehr und Dienstleistungen. Seit 1997 lagen ihre Zinsaufwendungen zwischen 0,9 und 1,6 Prozent der Gesamtleistung. Im Jahr 2023 zahlten sie 84 Milliarden Euro Zinsen bei 8.749 Milliarden Euro Umsatz, rund ein Prozent. Nicht erfasst sind Banken, Versicherungen, Landwirtschaft und die Wohnungswirtschaft.

Auf 42 Prozent kommt nur, wer alles mitzählt, was der Besitz von Kapital einbringt. Ein Beispiel: In der Miete einer Wohnung stecken die Zinsen für den Kredit des Vermieters, aber auch sein Gewinn, die Abschreibung und der Wert des Grundstücks. Creutz nennt das alles Zins. Das ist eine Definition, keine Messung. Und sie verschiebt das Problem: Wer alles Kapitaleinkommen „Zins“ nennt, redet nicht mehr über das Kreditsystem, sondern über das Eigentum.

IV. Wohin die Zinsen heute fließen

Die Zinsen des Staates werden aus Steuern bezahlt, und sie steigen schnell. 2021 gab der Bund 1,5 Prozent seiner Steuereinnahmen für Zinsen aus, 2025 waren es 7,7 Prozent. Für 2030 erwartet das Institut der deutschen Wirtschaft 18,1 Prozent, fast jeden fünften Steuereuro. Ursache war vor allem die Zinswende von 2022, nicht die Höhe der Schulden.

Wer erhält dieses Geld? Ende 2021 hielt das Eurosystem der Notenbanken 39 Prozent der deutschen Staatsschuld, ausländische Anleger 30 Prozent, inländische Banken 16 Prozent. Inländische Versicherungen und Pensionseinrichtungen kamen auf 1 Prozent, private Haushalte hielten direkt praktisch nichts. Früher floss der Anteil der Bundesbank als Gewinn an den Bund zurück. Seit der Zinswende zahlt die Bundesbank den Banken auf ihre Einlagen mehr Zinsen, als sie auf ihre Anleihen einnimmt. Sie schreibt Verluste, die letzte Gewinnabführung gab es 2019. Aus den Zahlen folgt: Ein Teil der Zinsen, die der Steuerzahler aufbringt, landet über die Bilanz der Bundesbank bei den Geschäftsbanken.

Und doch verteilt der Zins nicht permanent in eine Richtung. Von 2010 bis 2021 lag er unter der Inflation. Die privaten Haushalte verloren 2010 bis 2017 nach einer Schätzung des Ökonomen Ulrich Busch rund 250 Milliarden Euro an Zinsen, der Staat sparte rund 300 Milliarden. In diesen Jahren verteilte der Zins vom Sparer zum Schuldner, und der größte Schuldner war der Staat.

Daneben lief ein zweiter Strom, und er war größer. Im Sommer 2021 zahlte ein Häuslebauer für seinen Kredit 1,32 Prozent effektiv, abgesichert mit seinem Haus. Der Wohnungskonzern Vonovia lieh sich im selben Sommer 5 Milliarden Euro zu durchschnittlich 0,49 Prozent, einzelne Tranchen zu null Prozent, ohne Sicherheiten, und finanzierte damit die Übernahme der Deutsche Wohnen. Wer schon groß ist, bekommt das billigste Geld. Das billige Geld trieb zugleich die Preise der Häuser und Aktien. Von 2011 bis 2018 wurden die Hauseigentümer in Deutschland um bis zu 2,8 Billionen Euro reicher, inflationsbereinigt. Mehr als die Hälfte davon ging an das reichste Zehntel, über 1,2 Billionen an die obere Mitte, wo die meisten Häuslebauer stehen. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung bekam weniger als ein Zehntel dessen, was das reichste Zehntel bekam. Verloren haben die Sparer und die Mieter: Das ärmste Fünftel gibt heute fast 40 Prozent seines Einkommens für das Wohnen aus. Auch hier lief die Umverteilung nicht über den Zins, den jemand bekam, sondern über das Eigentum, dessen Preis stieg.

V. Was tatsächlich nach oben verteilt

Die Richtung der These stimmt trotzdem. Nach der Vermögensbefragung der Bundesbank besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte 56 Prozent des Nettovermögens. Daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert.

Entscheidend ist, woraus das Vermögen besteht. Man stelle sich zwei Haushalte vor. Der eine hat 20.000 Euro auf dem Sparbuch. Der andere besitzt ein Mietshaus, Aktien und einen Anteil an einem Familienunternehmen. Der erste bekommt Zinsen, die in manchen Jahren unter der Inflation liegen. Der zweite bekommt Mieten, Dividenden und Gewinne, und sein Vermögen wächst mit den Preisen der Häuser und Aktien. Ärmere Haushalte halten rund 60 Prozent ihres Geldvermögens als Bargeld und Einlagen, das reichste Zehntel 44 Prozent, dazu 31 Prozent in Wertpapieren. Die Renditen sind deshalb nach Vermögen gestaffelt.

Am genauesten gemessen ist der Mechanismus in den USA. Die Ökonomen Atif Mian, Ludwig Straub und Amir Sufi haben Steuerdaten von 1963 bis 2019 ausgewertet. Nach 1982 stieg die Sparquote des reichsten Prozents von 43 auf 54 Prozent, die der übrigen 99 Prozent fiel von 14 auf 7 Prozent. Das reichste Prozent finanzierte mit seinen Ersparnissen die Schulden der Mittelschicht, nach 2008 zunehmend die des Staates. Die Reichen sparen, die anderen leihen sich ihr Geld und zahlen dafür. Eine vergleichbare Untersuchung für Deutschland gibt es nach unserer Recherche nicht.

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat daraus eine allgemeine Regel gemacht: Liegt die Rendite auf Kapital dauerhaft über dem Wachstum der Wirtschaft, wächst der Anteil der Kapitalbesitzer am Einkommen. Diese Rendite stammt aber vor allem aus Unternehmen, Aktien und Immobilien, weniger aus Zinsen auf sichere Anlagen.

VI. Das richtige Unbehagen, die falsche Ursache

Damit ist der Kern der Sache benannt. Nicht der Zins verteilt nach oben, sondern das Kapitaleinkommen, und der Zins ist nur ein Teil davon. Ein zinsloses Geld, wie es die Freiwirtschaft fordert, ließe Dividenden, Mieten und Gewinne unberührt. Der Besitzer des Mietshauses würde es kaum merken. Den Sparer mit dem Sparbuch würde es treffen.

Die Bevölkerung scheint das genauer zu sehen als manche Zinskritiker. In einer Umfrage für die Friedrich-Ebert-Stiftung fanden 2023 72 Prozent der Befragten es ungerecht, dass Arbeitseinkommen höher besteuert wird als Gewinne am Finanzmarkt. 71 Prozent hielten die geringere Besteuerung sehr großer Erbschaften für ungerecht. Das zielt auf das Eigentum und seine Erträge, nicht auf den Zins.

Wie schnell ein Unbehagen am Geldsystem zerfällt, wenn es konkret wird, hat die Schweiz gezeigt. In einer Befragung von 2015 sagten 57 Prozent, sie würden für ein Verbot der Geldschöpfung durch Banken stimmen. Bei der Volksabstimmung 2018 waren es 24 Prozent. Die meisten fanden die Vorlage schwer verständlich und den Umbau zu riskant.

VII. Was daraus folgt

Ein Regelungstechniker würde sagen: Das System hat eine Mitkopplung und keine Gegenkopplung. Vermögen erzeugt Erträge, Erträge erzeugen Vermögen. Gebremst wird der Kreis bisher nur durch Katastrophen, durch Inflation, Krisen und Kriege. Die Aufgabe ist, die Gegenkopplung einzubauen, statt auf die nächste Katastrophe zu warten.

Ansatzpunkte gibt es mehrere. Die Besteuerung von Kapitaleinkommen kann an die von Arbeit angeglichen werden, wie es eine Mehrheit für gerecht hält. Große Erbschaften können wie große Erbschaften besteuert werden. Und das Geld selbst kann so gestaltet werden, dass neues Geld dort entsteht, wo etwas aufgebaut wird, statt dort, wo schon Vermögen liegt. Das ist der Gedanke der Geldsorten in unserem Entwurf „Das kybernetische Wirtschaftsmodell“.

Eine Frage bleibt offen: Wer bringt die Steuern auf, aus denen die Zinsen auf die Staatsschuld bezahlt werden, aufgeteilt nach Einkommensgruppen? Sie lässt sich mit Daten beantworten. Solange das nicht geschehen ist, lässt sich über die Umverteilung durch Staatszinsen innerhalb Deutschlands nichts Sicheres sagen.

Der Zins ist nicht der Täter. Er ist ein Werkzeug, das in die Hände derer gelegt ist, die schon haben. Wer nur das Werkzeug verbietet, lässt die Hände unberührt.

Weiterlesen: Müssen Staaten sich verschulden? · Die Rechnung, die keiner aufmacht · Geld – Werkzeug oder Gott? · Der Primat der Politik · Das kybernetische Wirtschaftsmodell

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 3. November 2026.

Quellen. Ipsos, „The system is broken“, Studie in 31 Ländern, Juni 2025. · Infratest dimap für die ARD, April 2026, nach Berliner Zeitung. · pollytix für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Finanzpolitische Umfrage „Mehr Umverteilung wagen“, Januar 2023. · Helmut Creutz, Grafik 59b „Zinsbelastungen“, 2005. · Deutsche Bundesbank, Jahresabschlussstatistik (hochgerechnete Angaben), Dezember 2025. · Deutsche Bundesbank, „Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland“, Monatsbericht April 2023 und April 2025. · Deutsche Bundesbank, Gläubigerstruktur der deutschen Staatsschulden, Monatsbericht Juli 2022. · Deutsche Bundesbank, Jahresabschluss 2025; dpa, „Bundesbank macht Milliardenverlust – Bund geht leer aus“. · IMK, Policy Brief 219, Juli 2026; Institut der deutschen Wirtschaft, Tobias Hentze, April 2026. · Ulrich Busch, „Nullzins: Ein geldpolitisches Experiment mit Folgen“, Berliner Debatte Initial 29 (2018) 3. · Deutsche Bundesbank, MFI-Zinsstatistik, Juli 2021; Vonovia SE, Mitteilung zur Anleiheemission vom 27. August 2021. · Till Baldenius, Sebastian Kohl, Moritz Schularick, „Die neue Wohnungsfrage: Gewinner und Verlierer des deutschen Immobilienbooms“, ECONtribute Policy Brief 019. · Michael Andreasch, Marc Peter Radke, Manuel Rupprecht, „Renditen privater Haushalte nach Vermögensgruppen“, Wirtschaftsdienst 2020, Heft 6. · Atif Mian, Ludwig Straub, Amir Sufi, „The Saving Glut of the Rich“, NBER Working Paper 26941. · Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, 2014. · VOTO, Nachbefragung zur Volksabstimmung vom 10. Juni 2018; Silvan Nietlisbach, Masterarbeit Universität Zürich, 2015.