Die deutsche DARPA
Im Oktober 2019 wurde in Leipzig eine Behörde gegründet, die das Unmögliche schaffen sollte: einen deutschen Gegenentwurf zur DARPA — der amerikanischen Agentur, die das Internet, GPS, Sprachsteuerung und autonome Fahrzeuge hervorgebracht hat. Sechs Jahre später ist SPRIND weder gescheitert noch angekommen. Sie ist etwas Selteneres: ein staatliches Experiment, das tatsächlich lernt. Die Frage ist, ob das genug ist.
I. Das Original
Die Defense Advanced Research Projects Agency wurde 1958 gegründet — als unmittelbare Reaktion auf den Sputnik-Schock. Die Sowjetunion hatte einen Satelliten in den Orbit gebracht, und Amerika hatte das nicht kommen sehen. Das Verteidigungsministerium brauchte eine Institution, die strukturell dazu gezwungen war, das Undenkbare zu denken.
Was DARPA von allen anderen Forschungsagenturen unterscheidet, ist nicht ihr Budget — obwohl vier Milliarden Dollar jährlich keine kleine Zahl sind. Es ist ihre operative Philosophie. DARPA hat keine dauerhaften Labors, keine feste Belegschaft an Forschern, kein institutionelles Gedächtnis das verteidigt werden muss. Stattdessen gibt es Programmmanager: hochspezialisierte Einzelpersonen mit Befristung auf vier bis fünf Jahre, einem eigenen Budget und der ausdrücklichen Erlaubnis zu scheitern. Ein DARPA-Programmmanager, der ein Projekt abbricht weil es nicht funktioniert, wird nicht bestraft. Er hat seinen Job gemacht.
Das zweite Strukturmerkmal ist der Auftraggeber. DARPA arbeitet für das Verteidigungsministerium. Das ist keine Nebensache. Militärische Beschaffung schafft eine Abnehmerstruktur, die zivile Förderbehörden nicht haben: einen zahlungsfähigen Kunden mit existenziellem Interesse am Ergebnis. GPS war kein Grundlagenforschungsprojekt. Es war ein Navigationssystem für Atomraketen — mit dem Nebeneffekt, dass es dreißig Jahre später auf jedem Smartphone läuft.
DARPA funktioniert nicht trotz ihrer militärischen Ausrichtung. Sie funktioniert wegen ihr. Der existenzielle Druck des Kalten Krieges hat eine Risikobereitschaft erzeugt, die kein ziviles Förderprogramm je replizieren kann — weil bei zivilen Programmen niemand sterben muss, wenn die Technologie scheitert.
II. Die Gründung
Deutschland beschloss im August 2018, seine eigene Version zu bauen. Der Impuls war nicht Sputnik, sondern die wachsende Erkenntnis, dass das bestehende Forschungssystem keine radikalen Innovationen produziert. DFG, Fraunhofer, Helmholtz — alles gut für inkrementelle Verbesserung. Für echte Sprunginnovationen, für Technologien die ganze Branchen obsolet machen, fehlte eine Instanz mit Risikobereitschaft.
Im Oktober 2019 wurde SPRIND als GmbH in Leipzig gegründet, geleitet von Rafael Laguna de la Vera — einem Unternehmer, der mehrere Software-Firmen aufgebaut und verkauft hatte und damit von Anfang an einen anderen Hintergrund mitbrachte als der typische Forschungsbürokratie-Hintergrund. Das Vorbild DARPA war explizit — aber mit einer wichtigen Einschränkung: rein zivil, keine Rüstungsanwendungen.
Der Anlauf war holprig. Der Bundesrechnungshof sorgte dafür, dass das ursprünglich geplante Besserstellungsverbot — der öffentliche Grundsatz, dass staatlich Beschäftigte nicht mehr verdienen dürfen als vergleichbare Bundesbeamte — trotz gegenteiliger Absicht doch angewendet wurde. Damit ließ sich kein Programmmanager von DARPA-Qualität einstellen. Angela Merkel kritisierte 2021 öffentlich die Strukturen der Agentur als zu wenig Bewegung erlaubend. Sie hatte recht.
III. Das Freiheitsgesetz und was es verändert hat
Im Dezember 2023 verabschiedete der Bundestag das SPRIND-Freiheitsgesetz — und damit begann die zweite, operativ relevante Phase der Agentur. Das Gesetz gab SPRIND vier neue Instrumente: erstens Ausnahmen vom Besserstellungsverbot, die es erlauben, marktübliche Gehälter zu zahlen und damit Talente aus der Industrie anzuwerben. Zweitens das Recht, selbst Tochtergesellschaften zu gründen und Unternehmensbeteiligungen einzugehen — ohne langwierige Ministerialabstimmung. Drittens flexible Mittelbewirtschaftung: Nicht ausgegebene Mittel verfallen nicht mehr am Jahresende. Viertens: Erlöse aus Anteilsverkäufen fließen zu fünfzig Prozent zurück in den SPRIND-Haushalt.
Das ist ein struktureller Durchbruch — bescheiden formuliert, aber in der deutschen Behördenlandschaft fast revolutionär. Zum ersten Mal kann eine staatliche Förderstelle wie ein Risikokapitalgeber agieren: investieren, begleiten, Beteiligungen halten, Erlöse reinvestieren. Nicht als Subvention, sondern als unternehmerischer Staat.
IV. Die Bilanz nach sechs Jahren
Was hat SPRIND bis März 2026 tatsächlich geleistet? Die Zahlen, die öffentlich verfügbar sind, stammen aus einer Bundestags-Anfrage vom Juli 2025 und dem Evaluationsbericht vom Januar 2025, den Fraunhofer ISI im Auftrag des BMBF erstellt hat.
Bemerkenswert ist die Durchlaufgeschwindigkeit: Von der Bewerbung bis zur Finanzierungszusage vergehen nach eigenen Angaben im Schnitt 14 Tage — nicht Monate oder Jahre wie bei klassischen Projektträgern. Das ist der eigentliche Kernunterschied zum Rest des Systems, und er ist real. Wer schon einmal einen DFG-Antrag gestellt hat, weiß was 14 Tage bedeuten.
Inhaltlich reicht das Portfolio von einem neuen Alzheimer-Therapeutikum bis zu einer Lösung zur Mikroplastikentfernung aus Gewässern. SPRIND hat eine Tochterfirma gegründet, die Hochleistungslaser für Kernfusionsprojekte entwickelt — und ist damit an den Startups Marvel Fusion und Focused Energy beteiligt, die mit Siemens Energy an einem Kernkraftwerk der nächsten Generation arbeiten. Das ist kein inkrementelles Förderprogramm. Das ist tatsächlich Sprungdenken.
V. Die Evaluation und ihr Problem
Im Januar 2025 veröffentlichte Fraunhofer ISI den ersten Evaluationsbericht — positiv. Die Agentur habe flexible Strukturen aufgebaut, arbeite zielführend an ihrer Mission, schließe eine echte Lücke im deutschen Innovationssystem. Staatssekretärin Claudia Müller nannte SPRIND ein Erfolgsprojekt.
Man muss diese Bewertung nicht in Frage stellen, um eine strukturelle Schwäche der Evaluation zu benennen: Fraunhofer ISI wurde vom BMBF beauftragt, das BMBF-Förderprojekt SPRIND zu evaluieren. Das ist nicht Befangenheit im juristischen Sinne. Es ist die systemische Tendenz, die in diesem Essay bereits beschrieben wurde: Das System evaluiert sich selbst. Die Kennzahlen, die SPRIND als Erfolg ausweisen, sind größtenteils Input-Kennzahlen — Projekte gefördert, Gesellschaften gegründet, Wettbewerbe durchgeführt. Ob in zehn Jahren eine dieser Investitionen den volkswirtschaftlichen Rang eines GPS oder Internets erreicht hat, weiß niemand. Und das ist das Wesen des Experiments.
Die faire Bewertung lautet daher: SPRIND macht das Richtige, mit den falschen Maßstäben gemessen, in einem System das strukturell wenig Geduld für Langzeitexperimente hat. Ob das ausreicht, zeigt sich frühestens in einem Jahrzehnt.
VI. Das Größenproblem
DARPA investiert jährlich rund vier Milliarden Dollar. SPRIND hat 200 Millionen Euro. Das ist ein Faktor von zwanzig — auch dann, wenn man Kaufkraftunterschiede und die Größe der Volkswirtschaften einrechnet. Der Unterschied ist nicht bloß quantitativ. Er bestimmt, welche Art von Wette man eingehen kann.
DARPA kann gleichzeitig dreißig Hochrisikoprogramme finanzieren, von denen sie erwartet, dass zwanzig scheitern. Drei davon reichen, um den Einsatz zu rechtfertigen. SPRIND kann sich diese Streuung nicht leisten. Jedes Projekt trägt mehr Erwartungsdruck, weil es prozentual mehr Gesamtbudget bindet. Das erzeugt — trotz aller gegenteiligen Absicht — einen Selektionsdruck hin zu sichereren, besser kommunizierbaren Projekten.
Rafael Laguna hat das selbst gesagt, wenn auch anders formuliert: Deutschland braucht nicht nur SPRIND, sondern eine Digitalagentur mit umfassenden Befugnissen und deutlich mehr Finanzmitteln. Kein Digitalministerium — das dauert eine Legislatur, bis es aus Ressorts zusammengebaut ist, die nichts abgeben wollen. Eine neue Organisation mit eigenem Kulturauftrag. Ob die neue Bundesregierung das liefert, ist nach bisherigem Muster zu bezweifeln.
VII. Der strukturell Ausgeschlossene
Hier ist die unbequemste Frage: Erreicht SPRIND den Typus des Erfinders, für den sie angeblich gedacht ist?
Die Zahlen geben eine vorsichtige Antwort. Von den 72 geförderten Projekten stammen alle aus Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder — im günstigsten Fall — von Privatpersonen. Die Kategorie "Privatpersonen" klingt nach Offenheit. In der Praxis bedeutet sie: Personen, die bereits ein Team haben, die bereits eine Geschichte vorweisen können, die bereits in der Sprache des Systems sprechen. Der Einzelerfinder, der seit Jahren ohne akademisches Netzwerk an einer Technologie arbeitet, die das bestehende System nicht einordnen kann — er fehlt in diesen Zahlen.
Das Kartell der Ignoranz, das der frühere Präsident des Deutschen Patentamts Erich Häusser bereits Mitte der 1990er Jahre beschrieben hat, ist durch SPRIND nicht aufgelöst worden. Häusser formulierte es präzise: Erfinder, die nicht zum Establishment gehören, werden nicht unterstützt und gefördert, sondern vernachlässigt, schlecht behandelt oder — was fast noch schlimmer ist — einfach nicht zur Kenntnis genommen. Dreißig Jahre später ist SPRIND eine Verbesserung. Aber die fünf Worte, die das System zusammenfassen, sind noch nicht verschwunden: „Haben Sie überhaupt eine Firma?"
Solange SPRIND nicht strukturell in der Lage ist, den Erfinder ohne Firma, ohne Netzwerk, ohne akademische Zugehörigkeit zu identifizieren und zu begleiten, bleibt sie das, was sie selbst überwinden wollte: eine Institution, die Innovatoren fördert, die bereits im System sind — und alle anderen weiterhin allein kämpfen lässt.
VIII. Was SPRIND tatsächlich ist
SPRIND ist kein Missverständnis und keine Fehlinvestition. Sie ist ein echtes Experiment — kleiner als ihr Vorbild, in einem weniger risikofreudigen Umfeld, mit einem Budget das keine echte Streuung erlaubt, aber mit einer operativen Logik, die das deutsche Fördersystem tatsächlich herausfordert. Das ist mehr, als die meisten neuen Behörden schaffen.
Drei Dinge sind an SPRIND strukturell richtig: die Geschwindigkeit (14 Tage statt 14 Monate), die Bereitschaft, Gesellschaften zu gründen statt nur Zuschüsse zu verteilen, und das explizite Recht auf Scheitern. Diese drei Elemente sind im deutschen Fördersystem ohne Vorbild — und sie reichen, um SPRIND von allen anderen Agenturen zu unterscheiden.
Drei Dinge bleiben strukturell falsch: das Budget (zu klein für echte Hochrisikostreuung), die Zielpopulation (immer noch zu nah am institutionalisierten Innovator), und die Maßstäbe (Input-Zahlen statt langfristiger Wirkungsmessung). Das dritte Problem löst sich von selbst — wenn SPRIND in zwanzig Jahren noch existiert und eine ihrer Kernfusions-Tochterfirmen Strom ins Netz einspeist, hat sich die Evaluation von selbst geschrieben.
DARPA hat das Internet nicht erfunden, weil Amerika besonders schlau war. Es hat das Internet erfunden, weil es bereit war, auf Technologien zu wetten, die vielleicht nie funktionieren — mit einer Geduld, die kein demokratisches Parlament freiwillig aufbringt. Deutschland hat mit SPRIND einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Ob dieser Schritt reicht, wird nicht die Evaluation entscheiden. Es wird die Zeit entscheiden.