Ein Ingenieur der ein Fahrzeug entwirft und dabei erklärt: Bremse, Gaspedal, Getriebe, Kupplung — den ganzen Kram zur Regelung der Geschwindigkeit brauchen wir nicht. Wir bauen stattdessen einen Automaten in das Fahrzeug ein — einen Tempomaten, der das Fahrzeug stetig beschleunigt, denn unser Ziel ist "Wachstum der Geschwindigkeit": wir wollen so schnell wie möglich fahren. Denn dann geht es allen Passagieren am besten.
Einem solchen Ingenieur würde niemand weiter zuhören und er würde sehr schnell seinen Job verlieren. Die Konstrukteure der Wirtschaft haben etwas Vergleichbares getan und ihren Tempomaten DEREGULIERUNG genannt — und sie sind immer noch in Amt und Würden und weiter tätig.
Mit den Konstrukteuren sind hier nicht die Wirtschaftswissenschaftler gemeint. Sie haben keinen Zugang zur Konstruktionsabteilung der Megamaschine. Ihre Aufgabe ist die wissenschaftliche Untersuchung und Beschreibung des realexistierenden Systems — an dem per allgemeiner Übereinkunft keine grundsätzlichen Änderungen möglich sind. Es ist ALTERNATIVLOS.
I. Was Deregulierung kybernetisch bedeutet
In der Systemtheorie ist ein stabiles System eines das Gegenkopplungen besitzt — Mechanismen die Abweichungen vom Gleichgewicht erkennen und gegensteuern. Ein Thermostat. Eine Bremse. Ein Sicherheitsventil. Ohne Gegenkopplung verstärkt jede Abweichung sich selbst: das ist positive Rückkopplung, und sie führt in Extremzustände.
Deregulierung ist kein neutraler Begriff. Kybernetisch beschreibt er die systematische Beseitigung von Gegenkopplungen und die gleichzeitige systematische Einführung positiver Rückkopplungen. Steuerparadiese entfernen den Regler der Umverteilung. Finanzmarktliberalisierung entfernt den Regler der Spekulation. Monopolbildung ist positive Rückkopplung: Marktmacht erzeugt mehr Marktmacht. Die Finanzialisierung der Wirtschaft — Rendite als einziges Ziel — ist positiver Rückkopplungskreis ohne Begrenzer.
Das Ergebnis ist ein Wirtschaftssystem das strukturell denselben Stabilitätseigenschaften eines Fahrzeugs ohne Bremse entspricht: es funktioniert solange die Straße gerade ist. In jeder Kurve fliegt es raus.
2008 war eine solche Kurve.
II. Die gepufferte Zone
Der entscheidende Unterschied zum Fahrzeugingenieur: Die Konstrukteure des wirtschaftlichen Tempomaten fahren nicht ungesichert mit. Sie haben eine gepufferte Zone im Fahrzeug — einen crashsicheren Bereich der durch Informationsvorsprung und Kapitalreserven definiert ist.
Der Informationsvorsprung ist die Eintrittskarte. Wer das System konstruiert, weiß wann die nächste Kurve kommt — und bringt Vermögen, Positionen und Risiken rechtzeitig in Sicherheit. Hedgefonds die auf den Zusammenbruch ihrer eigenen Produkte wetteten. Banken die toxische Assets verkauften während sie intern vor deren Qualität warnten. Das ist keine Ausnahme — es ist die strukturelle Logik eines Systems das Informationsasymmetrie systematisch produziert und belohnt.
Und dann der zynischste Teil des Mechanismus: Nach dem Crash kaufen dieselben Akteure die Trümmer billig. 2008 erwarben Blackstone, KKR und andere Immobilienportfolios für Cents auf den Dollar — genau jene Portfolios deren Zusammenbruch Millionen Hausbesitzer in die Pleite getrieben hatte. Anschließend wird das Fahrzeug repariert — nicht um es sicherer zu machen, sondern um die nächste Kurve effizienter zu nehmen. Der Tempomat wird optimiert. Die nächste gewinnbringende Kurve ist bereits im Blick.
Die Instabilität ist nicht der Bug. Sie ist das Feature — solange man weiß wann man aussteigt. Und solange die Steuerzahler einspringen wenn das Fahrzeug aus der Kurve fliegt.
III. Warum die Politiker mitspielen
Die Frage liegt nahe: Warum lassen die Politiker das zu? Sie sind die nominellen Repräsentanten aller — nicht nur der Konstrukteure. Die Antwort ist unbequem: weil viele von ihnen in der gepufferten Zone mitfahren. Nicht notwendigerweise durch Korruption im strafrechtlichen Sinne. Durch Struktur.
Ein Politiker der das System grundlegend in Frage stellt, verliert den Zugang zu Wahlkampffinanzierung, zu wohlgesonnenen Medien, zu den informellen Netzwerken in denen politische Karrieren gemacht werden. Das Jagdgesellschaftsprinzip: Wer nicht dabei ist, entscheidet nicht mit. Wer dabei ist, hat implizit akzeptiert welche Fragen nicht gestellt werden.
Dazu kommt das Wissensmonopol als Schutzwall. Das Finanzsystem ist so komplex dass kein Politiker es vollständig versteht — und die die es erklären könnten kommen aus der Industrie die davon profitiert. Der Informationsvorsprung der Konstrukteure ist gleichzeitig ein strukturelles Wissensmonopol gegenüber den Regulierern. Wer die Komplexität nicht versteht, kann nicht sinnvoll regulieren — und wer regulieren will, wird als jemand dargestellt der die Komplexität nicht versteht.
Und schließlich die Alternativlosigkeit als Narrativ. TINA — There Is No Alternative. Wer Alternativen vorschlägt gilt als naiv, als Populist, als jemand der die Realität nicht versteht. Die Kategorisierung als Kranker oder Träumer funktioniert in der Wirtschaftspolitik genauso wie in der Geopolitik. Der Politiker der mitspielt bekommt: Finanzierung, Medienzugang, Karriere, die gepufferte Zone. Der Politiker der nicht mitspielt bekommt: Marginalisierung — und keinerlei Werkzeuge um sein Programm umzusetzen selbst wenn er gewählt wird, weil die Konstrukteure die Infrastruktur kontrollieren.
Das ist keine Entscheidung. Das ist Selektion. Die Megamaschine selektiert Politiker die ihr nützlich sind — nicht durch Planung, sondern durch Struktur. Niemand hat beschlossen dass es so sein soll. Es ist emergiert — wie immer in der Megamaschine.
IV. Was das für die Wohlfahrtstheorie bedeutet
Ein namhafter Wirtschaftswissenschaftler hat recht wenn er schreibt: Oligopolistische Strukturen, massive Externalitäten, systematische Informationsasymmetrien sind Krankheiten des Wirtschaftssystems die die Wohlfahrtstheorie diagnostizieren kann. Der Arzt braucht das Bild des gesunden Körpers um Krankheiten zu erkennen.
Aber die kybernetische Analyse stellt eine Folgefrage die die Wohlfahrtstheorie nicht beantwortet: Warum werden gut diagnostizierte Krankheiten chronisch? Warum werden die Regler die die Theorie kennt, systematisch geschwächt oder eliminiert? Warum hat das Fahrzeug nach 2008 keine Bremse bekommen?
Die Antwort liegt nicht in der Theorie sondern in der Struktur: Die Konstrukteure des Tempomaten kontrollieren auch den Reparaturbetrieb. Sie entscheiden welche Teile eingebaut werden. Und sie haben keinen Anreiz Bremsen einzubauen — weil die Kurven, aus deren Perspektive, Gewinnchancen sind.
Das ist der Punkt an dem Wirtschaftswissenschaft und Systemtheorie auseinanderlaufen. Die Wohlfahrtstheorie beschreibt was ein stabiles System leisten könnte. Die Megamaschinen-Analyse beschreibt warum das stabile System systematisch verhindert wird — und durch wen.