Es gibt einen Satz, den man nicht mehr loswird, wenn man ihn einmal so formuliert hat: Alle Kontakte der EU zur Basis sind aus zweiter Hand. Und diese zweiten Hände sind zunehmend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.
Das ist nicht die gewohnte Kritik an Brüssel. Die gewohnte Kritik sagt: Die EU ist abgehoben, die Bürger fühlen sich nicht vertreten, die Kommission entscheidet über die Köpfe der Nationen hinweg. Diese Kritik ist alt und hat sich abgenutzt. Was der Satz beschreibt, ist etwas anderes. Es ist die Beschreibung eines strukturellen Ausfalls der Rückkopplung — und der Ausfall geschieht nicht in Brüssel, sondern in den Institutionen, die zwischen Brüssel und den Bürgern stehen sollen.
I. Eine Metapher, die präzise geworden ist
Das Bild vom Raumschiff Berlin kennt man seit zwanzig Jahren. Es beschreibt eine politische Klasse, die in ihrer eigenen Atmosphäre lebt, in einem Hauptstadtmilieu aus Ministerien, Verbandssitzen, Presseclubs, Talkshows und Hotelbars — und die den Kontakt zur eigentlichen Gesellschaft nur noch über Meinungsumfragen und vorgefilterte Bürger-Delegationen herstellt. Das Bild war polemisch gemeint und es wurde polemisch verwendet. Aber es war zutreffend, und es ist zutreffend geblieben.
Was sich geändert hat: Das Raumschiff Berlin ist inzwischen gelandet. Nicht elegant, nicht geplant, nicht einvernehmlich. Die AfD führt seit Monaten die Umfragen an und liegt inzwischen vor der CDU/CSU, die regiert. Damit ist die Grundannahme der deutschen Politik der letzten dreißig Jahre gekippt — die Annahme, dass der politische Konsens so tief verankert sei, dass er von Randphänomenen nur temporär gestört werden könne. Er ist nicht tief verankert. Er ist dünn geworden, und die AfD-Zahlen sind nur das sichtbarste Zeichen dafür. Dazu kommt die wirtschaftliche Erosion: Automobilindustrie in Existenzkrise, Deindustrialisierung in Schüben, Energiepreise auf einem Niveau, das strukturelle Verlagerungen erzwingt, Bundeswehr in einem Zustand, den der Heeresinspekteur am Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine als blank beschrieben hat. Die Landung des Berliner Raumschiffs war nicht die Folge einer Einsicht. Sie war die Folge von Aufprall-Realitäten, die sich nicht mehr wegmoderieren ließen.
Brüssel hat diesen Aufprall nicht. Noch nicht. Die Gründe sind strukturell, und sie sind interessant.
II. Warum Brüssel höher schwebt
Nationalstaaten landen, weil sie direkte Rückkopplungsmechanismen haben. Wahlen alle vier Jahre. Parlamentarische Fragestunden. Ein Kanzler, der vor den Fernsehnachrichten steht und sich für gescheiterte Politik verantworten muss. Die Presse fragt nach, die Opposition fragt nach, die Fachverbände protestieren, die Bürger schreiben Leserbriefe, gehen auf die Straße, wählen anders. Das System ist laut, widerspruchsreich, manchmal überfordert — aber es hat einen direkten Rückkanal.
Brüssel hat diesen Rückkanal nicht. Nicht weil die europäische Integration das verhindern wollte, sondern weil ein supranationales System aus 27 Völkern einen solchen Kanal strukturell nicht haben kann. Es gibt kein europäisches Volk, das die Kommission zur Rede stellt. Es gibt 27 Öffentlichkeiten in 24 Sprachen, die jeweils ihre eigenen nationalen Regierungen zur Rede stellen — und diese Regierungen sollen dann in Brüssel die Interessen ihrer Bürger vertreten.
Das war das Konstruktionsprinzip. Es hat lange funktioniert, weil die nationalen Regierungen stark genug waren, um Brüssel zu prägen, und weil sie den Rücklauf aus ihren eigenen Gesellschaften in die europäische Politik übersetzen konnten. Die Kommission war umgeben von einem Gürtel nationaler Regierungen, die als Dämpfer, als Korrektiv und als Realitätssignal funktionierten.
Dieser Gürtel ist defekt geworden.
III. Das Parlament, das nicht parlamentiert
Bevor ich die Defekt-Diagnose fortsetze, muss ich eine Frage beantworten, die sich aufdrängt. Die EU hat doch ein Parlament. 720 direkt gewählte Abgeordnete aus allen 27 Mitgliedstaaten. Das größte transnationale Parlament der Welt. Warum liefert dieses Parlament nicht die Rückkopplung, die zwischen Bürgern und Kommission gebraucht würde?
Die Antwort hat zwei Ebenen, eine institutionelle und eine alltägliche.
Institutionell: Das Europäische Parlament ist kein Parlament im klassischen Sinn. Es kann keine Gesetze initiieren — das Initiativrecht liegt allein bei der Kommission. Es kann die Kommissionspräsidentin nicht direkt wählen — sie wird vom Europäischen Rat vorgeschlagen, vom Parlament nur bestätigt. Es kann keine Regierung stürzen, weil es keine Regierung im klassischen Sinn gibt, die es stürzen könnte. Es hat ein Misstrauensvotum gegen die Kommission, das in 70 Jahren Geschichte ein einziges Mal so weit kam, dass eine Kommission zurücktrat — und auch das nur, weil sie dem Votum durch Selbstrücktritt zuvorkam. Das Parlament kann also Politik mitgestalten, aber es kann keine Politik machen. Es ist ein verstärkter Bundesrat, kein verstärkter Bundestag.
Daraus folgt das Alltagsphänomen: Die Abgeordneten sind weit weg von ihren Wählern, weil zwischen Wähler und Abgeordnetem keine Politik vermittelt wird, an der man die Position des Abgeordneten messen könnte. Wer kennt seinen Wahlkreisabgeordneten im Bundestag? Etwa 30 Prozent der Wähler, je nach Erhebung. Wer kennt seinen Wahlkreisabgeordneten im Europäischen Parlament? Empirisch: einstellige Prozentzahlen. Das ist kein Charakterversagen der Abgeordneten und kein Bildungsversagen der Bürger. Es ist die Folge davon, dass es zwischen ihnen kein politisches Geschehen gibt, das beide Seiten verbindet.
Wer im Fernsehen erscheint, ist nicht repräsentativ — er ist gerade nicht repräsentativ, sondern Ausnahme. Strack-Zimmermann, einige andere prominente Figuren, vielleicht zwei Dutzend Namen, die regelmäßig in nationalen Talkshows zu sehen sind. Die anderen 720 minus 24 verschwinden in einem Apparat, der weder Wahlkreis-Politik im klassischen Sinn betreibt noch Regierungs-Politik machen kann. Sie sitzen in Ausschüssen, verhandeln Trilogen mit Rat und Kommission, produzieren Berichte. Diese Arbeit ist nicht wertlos. Sie ist nur unsichtbar — und deshalb politisch wirkungslos im Sinn von Rückkopplung. Was unsichtbar bleibt, kann nicht zurückwirken.
Die Folge: Der einzige funktionierende Rückkopplungskanal zwischen europäischer Ebene und Mitgliedstaaten verläuft auf der Exekutivschiene. Kommission verhandelt mit Nationalregierungen. Generaldirektionen mit Ständigen Vertretungen. Kommissare mit nationalen Fachministern. Das ist Politik zwischen Exekutiven, in der das Volk nur als statistisches Hintergrundrauschen vorkommt. Wahlen werden auf nationaler Ebene entschieden, nicht auf europäischer. Was die Bürger an Brüssel kritisieren, geht über ihre nationalen Politiker zur Kommission — wenn es überhaupt durchkommt. Was die Kommission an die Bürger kommunizieren will, geht über die nationalen Politiker — die sich aber mehrheitlich für nationale Themen profilieren und Brüssel oft als bequemen Sündenbock nutzen.
Das ist die Konstellation, in der das Mehrebenensystem nur dann funktioniert, wenn beide Schienen — die parlamentarische und die exekutive — robust sind. Die parlamentarische ist strukturell schwach. Die exekutive war lange robust, ist es aber nicht mehr.
IV. Die zweiten Hände
Die nationalen Regierungen sind nicht verschwunden. Sie sind überlastet. Das ist ein anderer Zustand, und der Unterschied ist entscheidend.
Nehmen wir Deutschland. Die gegenwärtige Bundesregierung arbeitet seit Amtsantritt im permanenten Krisenmodus. AfD-Konsolidierung bei 25 bis 27 Prozent, vor der regierenden Union. Haushaltslücken im zweistelligen Milliardenbereich. Automobilkrise. Stahlkrise. Ford vor dem Aus in Saarlouis. Volkswagen in existenzieller Transformation. Bahn im täglichen Zerfall. Bundeswehr-Beschaffung, die seit drei Regierungen nicht mehr funktioniert. Migrationsdebatten, die die Koalitionsarithmetik jede Woche neu herausfordern. Rentenfinanzierung, die demografisch nicht mehr darstellbar ist. Und daneben die Normalfälle — Bildung, Pflege, Wohnungsbau, Digitalisierung —, die jeweils für sich Generationsaufgaben wären.
Wer in dieser Regierung hat Kapazität, sich tiefgehend mit der europäischen Position zur Lieferkettengesetzgebung, zur KI-Regulierung, zur Mercosur-Nachverhandlung, zum EU-Haushalt ab 2028 zu befassen? Die Antwort ist: wenige Beamte auf mittlerer Ebene, die alle noch drei weitere Dossiers gleichzeitig bearbeiten. Auf politischer Ebene praktisch niemand mit voller Aufmerksamkeit. Europapolitik wird in Deutschland seit etwa fünf Jahren systematisch nebenbei gemacht.
Das gilt für andere zentrale Hauptstädte ebenso oder stärker. Frankreich ist seit Macrons Parlamentsauflösung 2024 in einer institutionellen Dauerkrise, die bis heute nicht aufgelöst ist. Italien wird von einer Meloni-Regierung getragen, die ihre Aufmerksamkeit zwischen innenpolitischer Konsolidierung und europäischer Einbindung aufteilen muss. Die Niederlande haben seit Wilders' Wahlerfolg keine stabile Regierungsbildung mehr zustande gebracht. Spanien wird von einer Minderheitsregierung geführt, die jeden Tag an separatistischen Koalitionsfragen arbeiten muss. Österreich hat die FPÖ als stärkste Partei. Das sind keine Randphänomene. Das sind die zentralen Akteure, von denen Brüssel seine Realitätssignale bekommen müsste.
Die Vermittler sind nicht böse, nicht unwillig, nicht inkompetent. Sie sind erschöpft. Das ist ein anderer Zustand, und er hat andere Folgen.
V. Die Verzerrung ist schlimmer als das Schweigen
Es wäre noch das kleinere Problem, wenn die überlasteten nationalen Regierungen einfach weniger Input nach Brüssel liefern würden. Dann wäre die Folge Untätigkeit, und Brüssel könnte aus eigener Initiative reagieren. Das größere Problem: Die überlasteten Vermittler filtern nicht weniger, sondern anders.
Was sie nach oben spielen, ist das, was in ihrer eigenen nationalen Krisenlage dringend geworden ist — also die Krisensignale ihrer Tagespolitik, nicht die strukturellen Langfristfragen, die Europa entscheiden werden. Die Bundesregierung trägt nach Brüssel die Sorge um die Automobilindustrie, die Migrationszahlen, die Verteidigungsbeschaffung. Die französische Regierung die Sorge um Energiepreise, Bauernproteste, Staatsschulden. Die niederländische Regierung die Sorge um Stickstoff-Regulierung, Migrationszahlen. Das sind alles legitime Sorgen. Aber was nicht mehr nach oben kommt, sind die Fragen, die in einer funktionierenden Union zwischen Nationalregierungen und Kommission gemeinsam bearbeitet werden müssten.
Was ist die strategische Position Europas in einer Welt, in der die USA nicht mehr verlässlicher Partner sind? Wie organisieren wir uns gegenüber einem China, das gleichzeitig Handelspartner und systemischer Rivale ist? Was bedeutet europäische Souveränität konkret in Energie, in Verteidigung, in Technologie, in Finanzen? Wie gestalten wir die Erweiterung um sechs bis zehn Länder, ohne die Handlungsfähigkeit zu zerstören? Wie überleben wir die demografische Transformation ohne die soziale Kohäsion zu verlieren?
Diese Fragen verlangen Ressourcen, Zeit, tiefes Nachdenken, intellektuelle Bandbreite auf höchster Ebene. Sie verlangen auch Widerspruchsfähigkeit gegenüber der Kommission — die Fähigkeit, Brüssel zu sagen das seht ihr falsch, und das dann mit eigenen Analysen zu belegen. Die überlasteten nationalen Regierungen haben weder Ressourcen noch Widerspruchsfähigkeit. Sie nicken durch, was durchnickbar ist, und kämpfen nur noch dort, wo die Innenpolitik sie zwingt.
VI. Die Kommission wird nicht mächtiger — sie wird einsamer
Man könnte denken: Wenn die nationalen Regierungen schwach sind, wächst die Macht der Kommission. Das ist die oberflächliche Lesart. Sie ist nur halb richtig.
Die Kommission behält ihre formale Macht. Aber sie verliert ihre Realitätskontrolle. Ein starkes europäisches System ist nicht eins, in dem die Kommission unwidersprochen durchregiert. Es ist eins, in dem die nationalen Regierungen der Kommission substantiell widersprechen — auf Basis tiefer eigener Analysen — und in dem aus diesem Widerspruch gemeinsame europäische Politik entsteht. Der Konflikt ist die Produktionsbedingung der Qualität.
Was jetzt geschieht: Die Kommission entwirft Politik, die nationalen Regierungen sind zu erschöpft für substantiellen Widerspruch, die Politik wird verabschiedet, trifft auf die Realität und versagt — oder produziert Folgen, die niemand vorhergesehen hat. Dann ist die Überraschung groß, dann wird intern gesucht, wer schuld ist, dann wird nachjustiert, zurückgerollt, entschärft, aufgeweicht.
Das Lieferkettengesetz war so ein Fall. Gedacht als Durchbruch, bürokratisch so überladen, dass die Wirtschaft es nicht mehr trug und die Kommission selbst es entkernen musste. Die Pestizid-Verordnung: zurückgezogen, nachdem die Bauernproteste durch Europa gezogen waren. Teile des Green Deal: aufgeweicht unter dem Druck der Industrie, die plötzlich in Brüssel lauter wurde als in den Hauptstädten. Teile des AI Act werden als nächstes dran sein, weil die praktische Umsetzung Widerstände erzeugen wird, die niemand vorausgesehen hat.
Die Kommission bemerkt das spät, weil ihr Rückkopplungsmechanismus — die nationalen Regierungen — defekt ist. Und sie lernt daraus nicht grundsätzlich, weil das Lernen aus einer Beschäftigung mit der eigenen Struktur bestünde — und dafür hat sie selbst keine Zeit. Die Kommission ist so überlastet wie die Hauptstädte, nur anders.
VII. Die Kaskade
Aus dem Eingangssatz dieses Essays folgt ein weiterer Mechanismus, den ich explizit machen will. Wenn die nationalen Regierungen überlastet sind, sind es ihre Ministerien auch. Wenn die Ministerien überlastet sind, die nationalen Parlamente auch. Wenn die Parlamente überlastet sind, die Medien auch, die sie beobachten sollten. Wenn die Medien überlastet sind, die Bürger auch, die sich an ihnen orientieren.
Es entsteht eine Kaskade der Aufmerksamkeitsverarmung. Jede Ebene hat immer weniger Kapazität, die Ebene über ihr zu beobachten und zu korrigieren. Die Selbstregulierungsfähigkeit des Systems sinkt simultan auf allen Ebenen.
Das ist die eigentliche Krise. Sie ist nicht die Krise einer Institution. Sie ist die Krise der Beobachtungs- und Korrekturfähigkeit eines Mehrebenensystems. Und sie ist besonders gefährlich, weil sie ohne sichtbares Scheitern voranschreitet. Es gibt keinen Moment, an dem jemand sagt: Jetzt ist die Rückkopplung zusammengebrochen. Sie bricht langsam zusammen, auf Millionen kleinen Ebenen gleichzeitig, und wird erst sichtbar, wenn schon sehr viel kaputt ist.
VIII. Zwei Aufprall-Szenarien
Die konventionelle Lesart sagt: Brüssel landet, wenn drei bis vier zentrale Hauptstädte von EU-skeptischen Regierungen übernommen werden. Paris nach 2027. Rom nach Melonis zweiter Amtszeit. Den Haag mit Wilders-Beteiligung. Berlin irgendwann, wenn die AfD koalitionsfähig geworden ist. Dann kippt die Physik, dann muss Brüssel sich grundsätzlich verändern, dann kommt die Landung.
Das ist die institutionelle Lesart, und sie ist möglicherweise zu optimistisch. Weil sie voraussetzt, dass die Vermittler noch funktionsfähig sind, wenn auch EU-skeptisch.
Die realistischere Lesart ist die, die der Eingangssatz dieses Essays nahelegt: Brüssel muss gar nicht warten, bis die Hauptstädte kippen. Brüssel wird schon viel früher ins Abseits geraten, weil es Politik produziert, die nirgendwo mehr echte Rückkopplung erfährt — und die dann in der Realität scheitert, ohne dass Brüssel weiß warum.
Das ist ein anderes Aufprall-Szenario. Nicht der große Knall einer politischen Revolte. Sondern das langsame Verblassen der Wirksamkeit. Die Union wird nicht gestürzt. Sie wird irrelevant. Politik passiert, aber sie passiert nicht mehr dort, wo sie formal entschieden wird. Die nationalen Regierungen handeln zunehmend unilateral, weil der europäische Prozess zu langsam geworden ist. Die Bürger richten ihre Erwartung nicht mehr nach Brüssel, weil Brüssel in ihrer Wahrnehmung keine Rolle mehr spielt. Die Kommission entwirft weiter Roadmaps, aber niemand liest sie mehr außer denen, die beruflich müssen.
Das ist die deprimierendere Version. Sie hat den Vorteil, dass sie keinen Gewaltmoment hat. Und den Nachteil, dass sie keine Korrektur erlaubt, weil der Korrekturmoment nie eintritt.
IX. Was fehlt
Wenn dieser Befund stimmt — und vieles spricht dafür —, dann ist die wichtigste Frage der nächsten Jahre nicht, wer Brüssel regiert und wie. Sondern: Wo entsteht die neue Beobachtungsfähigkeit, die das europäische System braucht? Weil die alte — Nationalregierungen als Intermediäre — nicht mehr funktioniert.
Mehrere Möglichkeiten wären denkbar, und eine davon ist offensichtlich: die Stärkung des Europäischen Parlaments. Initiativrecht für Gesetze. Direktwahl der Kommissionspräsidentin durch die europäischen Bürger. Misstrauensvotum mit echten Folgen. Ein Wahlrecht, das die Verbindung zwischen Wähler und Abgeordnetem politisch greifbar macht — über echte europäische Wahlkampagnen mit europäischen Themen, nicht über 27 nationale Wahlkampagnen, die dasselbe Gebäude in Straßburg dabei nur am Rande erwähnen. Das wäre die naheliegendste Reform, weil sie das Parlament zu dem macht, was es seinem Namen nach schon ist. Sie scheitert seit Jahrzehnten an dem Umstand, dass sie das Gewicht zwischen Kommission, Rat und Parlament zugunsten des Parlaments verschieben würde — und weder Kommission noch Rat haben Interesse daran.
Wenn die Parlamentsreform ausbleibt, wären weitere Möglichkeiten denkbar. Europäische Bürgerräte auf tatsächlicher Entscheidungsebene, nicht als konsultative Spielwiese, sondern als Institution mit formalen Kompetenzen in Rückkopplung und Korrektur. Unabhängige europäische Beobachtungsinstitutionen mit Mandat und Ressourcen, unterhalb der Nationalregierungen aber oberhalb einzelner NGOs. Neue Formen publizistischer Beobachtung, die nicht mehr in der Brüssel-Blase leben und die nicht von den gleichen PR-Agenturen gefüttert werden, die auch die Kommission bedienen.
Oder — und das ist die dunklere Möglichkeit — die neue Beobachtungsfähigkeit entsteht gar nicht. Dann erodiert die europäische Handlungsfähigkeit weiter, bis eine äußere Kraft die Fragmente wegschwemmt. Das kann ein großer geopolitischer Schock sein. Das kann eine Energie- oder Wirtschaftskrise sein, die die EU nicht mehr bearbeiten kann. Das kann auch einfach ein langes graues Nachlassen sein, das niemanden mehr aufregt, weil niemand mehr genug Bandbreite hat, sich aufzuregen.
X. Der Auftritt, der die Diagnose bestätigt
Am 3. Oktober 2025 trat Ursula von der Leyen in Hamburg vor zahlenden Abonnenten der Wochenzeitung Die Zeit auf. Die Fragen waren von den Lesern eingereicht worden. Als Moderator fungierte der Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, ein alter Duzfreund von Ursula von der Leyen aus Hannover. Die Atmosphäre war warm, die Reaktionen freundlich, der Applaus an den richtigen Stellen.
Was in diesem Saal nicht stattfand: ernsthafter Widerspruch. Die härteste Nachfrage des Abends betraf den möglichen Konstruktionsfehler der EU — ob es wirklich keinen gebe, den man ändern würde. Zweimal abgewehrt, freundlich, bestimmt, und der Moderator ließ es durchgehen. Das ist die dritte Stufe der Kaskade in Aktion: Die Medien, die die politischen Institutionen beobachten sollten, produzieren Formate, die in der Form der Beobachtung die Beobachtung suspendieren. Es sieht aus wie Dialog, es fühlt sich an wie Dialog, es wird medial präsentiert als Dialog. Aber es ist die Simulation eines Dialogs in einer Lounge, in der niemand Macht riskiert.
Von der Leyen sagte in dieser Lounge einen Satz, der präziser ist als sein Rahmen. Das europäische Geschäftsmodell habe drei Säulen gehabt: billige Energie aus Russland, billige Arbeit aus China, billige Verteidigung durch die USA. Diese drei Säulen seien weg. Das ist eine vernichtende Diagnose der deutschen und europäischen Politik der letzten zwanzig Jahre. Aber sie wurde nicht weitergeführt. Wer hat dieses Geschäftsmodell ermöglicht? Wer hat es jahrzehntelang verteidigt? Wer war in dieser Zeit Verteidigungsministerin in Deutschland? Diese Fragen wurden nicht gestellt. Sie hätten gestellt werden können, sie wären fair gewesen, sie hätten die Präsidentin nicht ungebührlich bedrängt. Sie wurden nicht gestellt, weil das Format sie nicht vorsieht.
Das ist das Muster. Eine Politikerin, die kompetent die richtigen Worte findet. Eine Moderation, die kompetent die unbequemen Folgerungen vermeidet. Ein Publikum, das kompetent in der Rolle des kritisch-informierten Bürgers bleibt, ohne dass diese Rolle etwas verlangt. Eine Pressemitteilung am nächsten Tag, die das Ereignis als tiefen Austausch mit den Bürgern beschreibt.
Niemand in diesem Saal hatte die Absicht zu täuschen. Alle Beteiligten waren gutgläubig. Das ist nicht Entlastung, sondern Verschärfung der Diagnose.
XI. Was bleibt
Brüssel lebt noch auf einer Insel der Seligen. Eine Insel der Seligen ist nicht eine Insel der Bösen. Es ist eine Insel der Unwissenden, die ihre Unwissenheit nicht mehr bemerken, weil die Mitbewohner alle dasselbe nicht wissen. Das ist keine Diagnose einer Person. Es ist die Diagnose einer Struktur, die ihre Rückkopplungsmechanismen nicht mehr reparieren kann, weil sie dafür die Rückkopplungsmechanismen bräuchte, die ihr fehlen.
Die konventionelle Antwort auf diese Diagnose ist der Ruf nach mehr Demokratie, mehr Bürgernähe, mehr Transparenz. Das ist nicht falsch, aber es ist nicht präzise genug. Was fehlt, ist nicht Demokratie im Allgemeinen, sondern ein funktionsfähiger Sensor zwischen dem System und seiner Umwelt. Ein Sensor, der nicht überlastet ist, der nicht filtert wie ein erschöpfter Staatssekretär, der nicht simuliert wie eine Abendveranstaltung mit Zeitungsabonnenten.
Einen solchen Sensor zu bauen, ist Ingenieursarbeit, keine Appell-Rhetorik. Es ist die Art Arbeit, die Strukturen entwirft, die unabhängig von den guten Absichten ihrer Nutzer funktionieren. Es ist die Art Arbeit, für die die gegenwärtige politische Klasse nicht ausgebildet ist, weil sie zu lange in einer Welt gelebt hat, in der Rückkopplung einfach da war.
Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe der nächsten zehn Jahre. Nicht Reform der Kommission. Nicht Vertragsänderung. Nicht Erweiterung oder Nicht-Erweiterung. Sondern der Bau neuer Beobachtungsorgane für ein System, das seine alten Augen verloren hat. Wer diese Organe baut, und ob rechtzeitig, ist offen. Dass sie gebaut werden müssen, wenn das Raumschiff nicht im Weltraum verloren gehen soll, ist nicht mehr Meinung. Es ist Befund.