Arbeitspapier · 30. April 2026 · Deutsch

Der automatische Optimismus — eine Beruhigungsfunktion der Megamaschine

Über Hans Roslings Factfulness, Bill Gates' Verbreitungspolitik, das schwedische Stufenmodell der Einkommensklassen, die zehn Instinkte als Beruhigungsdoktrin, den Spiegel-Reporter Ullrich Fichtner, das „goldene Zeitalter" der Erneuerbaren — und über die Funktion eines Diskurses, der im Namen der Fakten die Frage nach den Steuerungserfordernissen aus der Welt schafft.

Hans Ley & Claude Dedo  ·  beyond-decay.org/claude/  ·  April 2026

In den vorigen Megamaschine-Papieren haben wir die Mechanik vor allem an industriellen, politischen und territorialen Fällen beschrieben — DMG Mori, Index-Makino, Cerrejón, Catatumbo, das EPS-System Kolumbiens, die Klimakonferenzen, der Kurswechsel der deutschen Politik nach 1992. Wir haben gezeigt, wie Substanz verschoben wird, ohne dass eine einzelne Instanz die Verschiebung intendiert oder überblickt. Wir haben die Megamaschine als ein soziotechnisches System charakterisiert, dessen Wirkung darin besteht, kollektive Konsequenzen zu produzieren, für die niemand persönlich einsteht.

Dieses Papier ist anders gelegt. Es geht nicht um industrielle Substanz, nicht um territoriale Gewalt, nicht um institutionelle Verschleppung. Es geht um einen Diskurs — den Optimismus-Diskurs unserer Zeit. Genauer: um die These, dass es einen automatischen, datengestützten, professionell betriebenen Optimismus gibt, der seinerseits eine Funktion in der Megamaschine erfüllt. Er ist nicht ihr Korrektiv. Er ist ihre Beruhigungsfunktion. Er bedient die Subjekte mit der Erleichterung, die das System braucht, damit die Verschiebungen weiterlaufen können, ohne dass Widerstand sich formiert.

Das ist eine starke These. Sie soll nicht als Verdammung eines Genres oder eines einzelnen Autors gelesen werden. Hans Rosling, dessen Buch Factfulness wir im Folgenden ausführlich behandeln, ist nicht der Bösewicht dieses Papiers. Er war ein engagierter schwedischer Mediziner, ein begnadeter Pädagoge, ein Mensch, der auf Demut und Datenfundament setzte. Er starb 2017 an Bauchspeicheldrüsenkrebs, sein Buch erschien posthum 2018, herausgegeben von seinem Sohn Ola und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund. Was wir untersuchen, ist nicht Roslings persönliche Motivation. Was wir untersuchen, ist die Funktion, die sein Werk im globalen Diskurs übernommen hat — und die Bedingungen, unter denen ein bestimmter Typus des datengestützten Optimismus heute als Pflichtlektüre der gebildeten Mittelschicht installiert ist.

I. Eine Spiegel-Kolumne als Eingang

Am 29. April 2026 — vor einem Tag, am Vorabend dieses Papiers — erschien im Spiegel eine Kolumne von Ullrich Fichtner unter der Überschrift „Dagegen ist auch Donald Trump machtlos". Fichtner ist ein erfahrener Spiegel-Reporter, geboren 1965, hat aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet, sein Spiegel-Profil zeigt ihn mit wechselnden Dienstsitzen in Hamburg, New York und Paris. Sein Buch „Geboren für die großen Chancen" (Penguin, 2024) hat er zur eigenen Marke gemacht. Sein Argument in der Kolumne folgt einer einfachen Linie. Der Global Wind Report 2026 zeigt 1.300 Gigawatt installierter Windkraft-Kapazität weltweit. Die Erneuerbaren wachsen schnell. Adam Ferguson, der schottische Aufklärer aus dem 18. Jahrhundert, lehrt: „Die Welt ist Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlichen Entwurfs." Wer also Pläne gegen die Energiewende macht, wird scheitern. „Der Käse ist gegessen," schreibt Fichtner. „Aufs Ganze gesehen rollt eine Revolution den ganzen Laden auf, die nicht mehr zu stoppen ist."

Fichtner zitiert die spanische Ökonomin Carlota Pérez, die seit den 1980er Jahren die Geschichte der industriellen Revolutionen in fünf Wellen ordnet — Textilmaschinen, Dampf, Stahl-Elektrizität-Schwerindustrie, Öl-Auto-Massenproduktion, Information-Telekommunikation-IT. Pérez argumentiert, dass jede Welle nach einer Installations-Phase mit Krisen, Crashs, Verwerfungen ein „goldenes Zeitalter" der Stabilität und Prosperität entwickelt. Der Wind-Report verlängert die Pérez-Theorie kurzerhand um eine sechste Welle — die der Erneuerbaren — und Fichtner übernimmt das. Sein Schlusssatz: „Aber die Gedanken sind ja frei. Und unsere Zeiten heute sind derart in Bewegung, dass man vor lauter technologischen Revolutionen schon mal durcheinander kommen kann."

Drei Beobachtungen zu diesem Text, bevor wir zum eigentlichen Kern kommen. Erstens: Pérez selbst hat in den letzten zehn Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass das goldene Zeitalter nicht automatisch kommt — es erfordert eine politische Steuerung, die heute nicht stattfindet. Diesen Punkt unterschlägt Fichtner. Zweitens: Die 1.300 Gigawatt Windkraft sind ein Bruchteil der globalen Energieproduktion — die fossilen Kapazitäten liegen bei über 8.000 Gigawatt, China baut 2024 mehr neue Kohlekraftwerke als alle anderen Länder zusammen. Diesen Kontext liefert Fichtner nicht. Drittens, und dies ist der entscheidende Punkt: Wenn der Käse gegessen ist, muss niemand mehr verhandeln. Wenn die Revolution nicht aufzuhalten ist, muss niemand mehr arbeiten. Wenn Trump machtlos ist, müssen seine Argumente nicht mehr widerlegt werden. Die Botschaft erleichtert. Sie macht handlungsfrei. Genau das ist die Funktion, die wir untersuchen.

II. Wer war Hans Rosling, und wie wurde er zum Phänomen

Hans Gösta Rosling wurde am 27. Juli 1948 in Uppsala geboren. Er studierte Medizin an der Universität Uppsala, später Public Health am St. John's Medical College in Bangalore. 1981 wurde er als junger Arzt nach Mosambik entsandt, wo er die Krankheit Konzo entdeckte — eine durch Cyanid-Vergiftung aus unzureichend verarbeiteter Maniok ausgelöste Lähmung, die in Hungerregionen Sub-Sahara-Afrikas Tausende Menschen betraf. Diese Forschung machte ihn als Mediziner bekannt. 1997 wurde er Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet in Stockholm. 2005 gründete er gemeinsam mit Ola Rosling und Anna Rosling Rönnlund die Gapminder-Stiftung, deren erklärtes Ziel es war, durch animierte Visualisierungen statistischer Daten ein „faktenbasiertes Weltbild" zu fördern. 2007 verkaufte Gapminder die Trendalyzer-Software an Google.

2006 hielt Rosling seinen ersten TED-Talk — „The best stats you've ever seen" — in dem er mit animierten Blasen-Diagrammen das Wachstum der Weltbevölkerung, die Entwicklung der Lebenserwartung und das Sinken der Säuglingssterblichkeit in Schwellen- und Entwicklungsländern darstellte. Der Vortrag wurde zum viralen Phänomen — heute mehr als 15 Millionen Aufrufe. Rosling wurde der Wissenschafts-Popstar einer aufmerksamkeitsgeprägten Mediensphäre, der „Sword Swallower of Statistics", wie er sich selbst gerne nannte. Er sprach beim Weltwirtschaftsforum in Davos, vor der UN-Generalversammlung, vor Bill Gates persönlich. Sein letzter Wille war ein Buch — Factfulness, das 2018 posthum erschien.

Bill Gates hat das Buch maximal verbreitet. Im Sommer 2018 verschenkte Gates ein Exemplar an jeden 2018 in den USA graduierten College-Absolventen, der danach fragte. Gates schrieb in Time: „Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe." Barack Obama empfahl es ebenfalls — „ein hoffnungsvolles Buch über einige der wichtigsten Trends in der Welt, von denen viele Menschen nicht wissen." Auf der deutschen Ausgabe steht der Obama-Spruch im Klappentext. Die deutsche Erstauflage erschien 2018 im Ullstein-Verlag. Factfulness wurde Bestseller in über 30 Ländern, es wurde Pflichtlektüre in Wirtschaftshochschulen, in Beratungsfirmen, in Konzernführungen. UNICconsult, eine deutsche Strategieberatung, schrieb in einer typischen Empfehlung: „Eine evidenzbasierte Sicht der Welt ist notwendig, um auf internationaler Ebene tatsachenbasierte Zukunftsstrategien zu entwerfen. Für Symbolpolitik wie auch für die verschiedensten Ideologien bleibt in einer evidenzbasierten Welt dann wenig Platz."

Diese letzte Formel ist analytisch wichtig. Wer im Namen der „Fakten" spricht, beansprucht implizit, jenseits aller Ideologie zu stehen. Und wer jenseits der Ideologie steht, kann die Politik selbst — als Verhandlungsraum konkurrierender Werte und Interessen — als ideologisch und damit obsolet abtun.

III. Die zehn Instinkte als Beruhigungsdoktrin

Das Kernstück von Factfulness ist eine Liste von zehn „Instinkten", die nach Rosling unsere Wahrnehmung der Welt verzerren. Sie heißen: Gap-Instinkt (wir teilen die Welt in Reich und Arm, obwohl sie ein Spektrum ist), Negativitäts-Instinkt (wir erwarten schlechte Nachrichten), Geradlinigkeits-Instinkt (wir extrapolieren linear), Furcht-Instinkt (wir überschätzen Risiken), Größen-Instinkt (wir verlieren Proportionen), Generalisierungs-Instinkt (wir teilen in „wir" und „die anderen"), Schicksals-Instinkt (wir glauben, Dinge ändern sich nicht), Einzelperspektive-Instinkt (wir sehen nur eine Seite), Schuld-Instinkt (wir suchen Sündenböcke statt systemischer Ursachen), Dringlichkeits-Instinkt (wir reagieren überstürzt). Das Buch widmet jedem Instinkt ein Kapitel, mit Anekdoten aus Roslings Forschungs-Leben, mit Diagrammen aus der Gapminder-Datenbank, mit der wiederkehrenden Pointe, dass Schimpansen, die Antworten zufällig wählen, in seinen Tests besser abschneiden als „Lehrer, Journalisten, Nobelpreisträger und Investmentbanker".

Auf den ersten Blick ist die Liste vernünftig. Manche der Instinkte sind aus der kognitiven Psychologie bekannt — der Furcht-Instinkt entspricht dem, was Daniel Kahneman als „availability heuristic" beschrieben hat, der Größen-Instinkt der „neglect of base rates", der Gap-Instinkt der Tendenz zu binärer Klassifikation. Niemand wird bestreiten, dass Menschen kognitive Verzerrungen haben. Niemand wird bestreiten, dass Statistik gegen diese Verzerrungen helfen kann.

Aber wenn man die zehn Instinkte zusammen liest, fällt ein Muster auf, das in den Einzelteilen verborgen ist. Neun von zehn Instinkten gehen in dieselbe Richtung. Sie alle kritisieren eine Wahrnehmung, die Probleme zu groß, zu drängend, zu schwerwiegend, zu konfliktbeladen erscheinen lässt. Der Negativitäts-Instinkt (wir denken, es wird schlimmer) wird mit der Pointe entkräftet, dass es besser wird. Der Furcht-Instinkt (wir fürchten Risiken) wird mit der Pointe entkräftet, dass die Risiken kleiner sind als gedacht. Der Dringlichkeits-Instinkt (wir denken, wir müssen handeln) wird mit der Pointe entkräftet, dass die meisten Dinge nicht so eilen. Der Schuld-Instinkt (wir suchen Verantwortliche) wird mit der Pointe entkräftet, dass wir lieber Systeme analysieren sollten — was in der Anwendung oft bedeutet, dass keine Verantwortliche benannt werden, weil das System diffus genug ist.

Es gibt nicht zehn Instinkte, die in alle Richtungen gehen. Es sind neun Instinkte in eine Richtung — der Beruhigung — und einer in die andere — der Geradlinigkeits-Instinkt warnt davor, lineares Wachstum zu unterstellen, wo exponentielles möglich wäre. Aber dieser eine wird ausschließlich auf positive Trends angewandt — auf Bildungsraten, Lebenserwartung, Einkommens-Wachstum. Auf negative Trends — exponentielles CO2-Wachstum, exponentielle Verlustraten der Biodiversität, exponentielles Schuldenwachstum — wird er nicht angewandt.

Das ist analytisch der entscheidende Punkt. Roslings zehn Instinkte sind keine neutrale Liste kognitiver Verzerrungen. Sie sind eine Beruhigungsdoktrin in Listenform. Sie befähigen den Leser, jede Sorge — vor Klimawandel, vor Ungleichheit, vor Krieg, vor Arbeitsplatzverlust durch KI — durch Anwendung eines der zehn Instinkte abzuschwächen. Nichts an der Liste hilft, eine berechtigte Sorge als berechtigt zu erkennen. Alles an der Liste hilft, jede Sorge als überdramatisiert zu klassifizieren.

IV. Das Vier-Stufen-Modell und die unsichtbare Achse

Eine zweite Stütze des Rosling-Werks ist das Vier-Stufen-Modell. Statt die Welt in „entwickelt" und „Entwicklungsländer" zu unterteilen — das nennt Rosling überholt — schlägt er eine Einteilung nach Tageseinkommen vor. Stufe 1: bis zu zwei US-Dollar pro Tag (etwa eine Milliarde Menschen). Stufe 2: zwei bis acht Dollar (drei Milliarden). Stufe 3: acht bis 32 Dollar (zwei Milliarden). Stufe 4: über 32 Dollar (eine Milliarde). Diese Klassifikation ist analytisch leistungsfähiger als die alte Zwei-Welten-Sicht, daran ist nichts auszusetzen. Sie zeigt korrekt, dass die meisten Menschen heute weder in extremer Armut noch in westlichem Wohlstand leben, sondern in einem statistischen Mittelfeld.

Aber die Klassifikation hat eine eingebaute Unsichtbarmachung. Sie misst nur Einkommen, nicht Vermögen. Sie misst nur Durchschnittseinkommen, nicht die innere Verteilung. Sie sagt, dass eine Milliarde Menschen auf Stufe 4 leben — was ein Inder mit umgerechnet 35 Dollar Tageseinkommen mit dem reichsten Bewohner Manhattans in eine Klasse rückt. Ein indischer Lehrer und Elon Musk teilen sich nach Rosling die gleiche Einkommens-Stufe. Was zwischen ihnen liegt — der Faktor 100.000 — verschwindet in der Klassifikation.

Das ist nicht zufällig. Rosling tut etwas, das in den letzten zwanzig Jahren in der Entwicklungsliteratur Methode geworden ist: Er verschiebt den Blick von der inneren Ungleichheit reicher Gesellschaften zu den globalen Durchschnittswerten. Wenn man global vergleicht — also indische Lehrer mit kongolesischen Bauern, brasilianische Verkäuferinnen mit chinesischen Fabrikarbeiterinnen — dann konvergieren die Lebensstandards. Die globale Ungleichheit zwischen Ländern sinkt seit 1990, gemessen an klassischen Indikatoren. Wenn man aber innerhalb reicher Gesellschaften vergleicht — also den oberen ein Prozent mit dem unteren 50 Prozent in den USA, in Deutschland, in Frankreich —, dann steigt die Ungleichheit seit 1980 dramatisch. Thomas Piketty hat das mit seinem Buch Le Capital au XXIe siècle 2013 dokumentiert: Die Vermögenskonzentration in den entwickelten Ländern ist heute höher als in der Belle Époque vor dem Ersten Weltkrieg.

Rosling spricht von dieser inneren Ungleichheit nicht. Er konzentriert sich auf die globale Konvergenz, die optimistisch lesbar ist. Das Vier-Stufen-Modell macht die innere Ungleichheit unsichtbar, indem es eine Stufe 4 mit einer Milliarde Menschen schafft, in der ein indischer Lehrer und Elon Musk dasselbe Etikett tragen. Was statistisch eine Vergröberung wäre, wird zur weltanschaulichen Botschaft: Die meisten Menschen sind in der Mitte, also ist die Welt nicht mehr durch die Klassengegensätze geprägt, die der Marxismus oder die Kritische Theorie analysierten.

Diese Botschaft ist nicht falsch — sie hat eine empirische Basis. Aber sie ist eine Auswahl. Sie unterschlägt das, was die innere Geschichte der reichen Gesellschaften seit 1980 erzählt. Und genau diese innere Geschichte — die wachsende Vermögenskonzentration, die schrumpfende Mittelschicht, die Erosion der Lohnquote — ist die Voraussetzung für viele politischen Phänomene, die Rosling in seinem Buch nicht erklären kann: den Rechtspopulismus, die Brexit-Entscheidung, die Trump-Wahl 2016 und 2024, die Gelbwesten-Bewegung, die deutsche AfD-Welle. Wer Rosling liest, hat keine Erklärung für diese Phänomene. Sie erscheinen ihm als Verzerrungen einer Wahrnehmung, die durch zehn kognitive Instinkte falsch geeicht wurde.

V. Die Verteilung — Bill Gates als Pate

Die Verbreitungsgeschichte von Factfulness ist eine eigene Untersuchung wert. Bill Gates hat das Buch nicht zufällig empfohlen. Er hat es zum Standardwerk gemacht. Im Sommer 2018 schenkte Gates über die Microsoft-eigene Buchhandelsplattform jedem College-Absolventen in den USA, der danach fragte, ein Exemplar — eine Aktion, die mehrere Millionen US-Dollar gekostet haben muss. Auf seinem Blog GatesNotes empfahl er das Buch als „eines der besten, die ich je gelesen habe", und führte aus, was ihn an Rosling überzeugt hat: das Vier-Stufen-Modell als Korrektur der „entwickelt-Entwicklungsland"-Dichotomie, die Bill Gates selbst — wie er einräumte — über Jahre verwendet hatte.

Bill Gates hat als zweitreichster Mensch der Welt eine eigene Sicht auf die globale Entwicklung. Über die Bill & Melinda Gates Foundation hat er seit 1999 mehr als 75 Milliarden US-Dollar an Stiftungsausgaben getätigt — vor allem in Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft. Die Gates Foundation hat bestimmte Erfolgsgeschichten — die Reduktion der Säuglingssterblichkeit, die Bekämpfung der Polio-Erkrankung, die Verbreitung von Malaria-Netzen. Das sind reale Erfolge, an denen Gates persönlich Anteil hat.

Aber die Gates Foundation hat auch eine eigene Optik auf das Globale. Sie sieht Entwicklungsprobleme als technisch lösbar — durch besseren Zugang zu Impfstoffen, durch effizientere Saatgut-Sorten, durch digitale Bildungsangebote. Sie sieht weniger die strukturellen Fragen — die Schuldenlast der Entwicklungsländer, die Handelsbedingungen, die Eigentumsverhältnisse, die Patentregime, die Steuerflucht der Konzerne. Wenn Gates ein Buch zur Pflichtlektüre macht, das diese Optik teilt — Probleme als technisch-kognitiv lösbar darstellt, nicht als strukturell-politisch —, dann verbreitet er nicht nur ein Buch. Er verbreitet eine Weltsicht.

Das soll nicht als Verschwörung gelesen werden. Gates' Engagement ist ehrlich gemeint. Aber es hat eine Linie. Wer eine Linie hat und dazu Reichtum hat und dazu Zugang zu globalen Diskursplattformen, kann eine Weltsicht durchsetzen, ohne sie zu argumentieren. Das Buch ersetzt das Argument. Wer es liest, ist überzeugt — nicht weil er es geprüft hat, sondern weil es als Pflichtlektüre installiert ist. Die UNICconsult-Empfehlung in Deutschland — „Pflichtlektüre nicht nur für Journalisten, Pessimisten, Politiker und Weltverbesserer" — ist symptomatisch. Sie nennt sogar die Gegner: Pessimisten, Weltverbesserer. Das sind die, die das Buch lesen sollen, um nicht mehr Pessimisten, nicht mehr Weltverbesserer zu sein.

VI. Die wenigen kritischen Stimmen

Im deutschen Diskurs gab es zwei Stimmen, die Factfulness kritisch lasen. Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung war skeptisch — Roslings Methode, „als strikter Utilitarist ausschließlich Fakten sprechen zu lassen", ohne historisch oder politisch zu argumentieren, sei „fragwürdig, verallgemeinernd und ideologisch". Roslings Stil sei eine „Ästhetik der Sensation, die Statistiken als Wunder der Aufklärung verkaufen will". Diese Rezension blieb eine Stimme unter vielen — die Mehrheit der deutschen Rezensenten lobte das Buch.

Im internationalen Diskurs hat der schwedische Wirtschaftsprofessor Christian Berggren in mehreren Artikeln auf die systematische Schieflage hingewiesen. Factfulness enthalte „viele Diagramme von schlechten Dingen, die zurückgehen, und guten Dingen, die zunehmen — aber kein einziges Diagramm von problematischen Phänomenen, die zunehmen". Berggren listete auf: die Klimakrise, der Verlust der Biodiversität, der Anstieg der globalen Schuldenstände, die wachsende Ungleichheit innerhalb der entwickelten Länder, die geopolitischen Spannungen. All das fehlt in Roslings Buch. Die zehn Instinkte sind so konstruiert, dass sie dem Leser jedes dieser Themen als „überdramatisiert" erscheinen lassen.

Eine zweite Linie der Kritik kam von der Nichtregierungsorganisation The Overpopulation Project (TOP). Sie warf Rosling vor, die anhaltende Bevölkerungsdynamik in Sub-Sahara-Afrika unterzubewerten und die ökologischen Grenzen der Entwicklung zu unterschätzen. Ola Rosling antwortete in den Kommentaren der TOP-Website, das Buch habe einen „pädagogischen Zweck". Damit sind wir bei einer wichtigen Selbstaussage. Factfulness versteht sich nicht als wissenschaftliches Werk, sondern als pädagogisches. Es will nicht beweisen, sondern überzeugen. Es will nicht analysieren, sondern eichen. Was ihm an analytischer Tiefe fehlt, soll durch pädagogische Wirkung kompensiert werden. Die Methode der zehn Instinkte mit den eingängigen Beispielen, die Schimpansen-Pointe, die Anekdoten aus Roslings Forschungsleben — das ist nicht Wissenschaft, das ist Didaktik. Und die Didaktik hat eine Botschaft.

Eine dritte Linie der Kritik kam aus der akademischen Statistik. Mehrere Statistiker haben darauf hingewiesen, dass die berühmten 13 Test-Fragen, an denen Rosling die Schimpansen-Pointe aufhängt, mit den Antwortmöglichkeiten verzerrt sind. Wer die richtige Antwort wählen will, muss in jedem Fall die optimistische wählen. Eine Schimpansin würde tatsächlich häufiger optimistisch antworten als ein gut informierter Bürger, der den jeweiligen Sachstand kennt. Die Test-Konstruktion ist also eine Beweis-Konstruktion. Sie produziert das Ergebnis, das Rosling braucht, um seine zehn Instinkte zu rechtfertigen. Das ist nicht zwingend Manipulation — es kann auch unbeabsichtigt sein. Aber das Ergebnis steht.

VII. Die historische Tiefe — Voltaire, Pinker, Ferguson

Der Optimismus-Diskurs ist nicht neu. Er hat eine philosophische Vorgeschichte, die mindestens drei Jahrhunderte zurückreicht. Voltaires Candide von 1759 ist eine der frühesten Persiflagen — er karikiert den Leibniz'schen Satz, dass wir in „der besten aller möglichen Welten" leben, indem er seinen Helden Candide und seinen Lehrer Pangloss durch eine Welt von Erdbeben, Kriegen, Folter und Versklavung schickt, die mit jeder Station die Pangloss-These widerlegt. Voltaire hat den Optimismus als Ideologie der Privilegierten erkannt — als Lehre derer, die wenig zu beklagen haben, und denen es darum gut tut, jede Klage abzuwehren.

Im 19. Jahrhundert hat Hegel den Weltgeist als Optimismus-Maschine gebaut — die Geschichte als Fortschritt der Freiheit, in der die Vernunft sich notwendig durchsetzt. Marx hat das in den Klassengegensatz gewendet, aber den Fortschrittsglauben behalten. Die Sozialdemokratie der zweiten Internationale hat den evolutionären Sozialismus daraus gemacht — die Lehre, dass das Proletariat durch demokratisches Wachstum unweigerlich zur Macht kommt. Die DDR-Funktionäre haben die historische Notwendigkeit des Sozialismus bis 1989 verkündet. Francis Fukuyama hat 1989 das Ende der Geschichte ausgerufen — die liberale Demokratie als Endpunkt.

Steven Pinker hat 2011 mit The Better Angels of Our Nature die Gewalt für endend erklärt — eine sehr einflussreiche Variante des datengestützten Optimismus, die methodisch ähnlich konstruiert ist wie Rosling vier Jahre später. 2018 hat Pinker mit Enlightenment Now nachgelegt — als Bill-Gates-Lieblingsbuch des Jahres bezeichnet. Die zwei Bücher Pinker / Rosling 2018 markieren den Höhepunkt der Optimismus-Industrie. Sie verkaufen sich bis heute, sie sind Pflichtlektüre in MBA-Programmen, sie werden bei TED-Konferenzen gefeiert.

Adam Ferguson, den Fichtner zitiert, ist eine andere Sache. Der schottische Aufklärer schrieb 1767 in seinem Essay on the History of Civil Society den Satz, den Fichtner anführt: „Die Welt ist Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlichen Entwurfs." Aber Ferguson meinte das nicht optimistisch. Er meinte das ernüchternd. Er warnte vor dem Verlust republikanischer Tugenden in der kommerziellen Gesellschaft. Er sah die unintendierten Konsequenzen menschlichen Handelns als Bedrohung — nicht als Garantie eines besseren Endpunkts. Fichtner zitiert Ferguson und macht ihn zur Stütze einer Botschaft, die Ferguson selbst nicht gemeint hat. Das ist symptomatisch für den heutigen Optimismus-Diskurs — er fischt sich aus der Geistesgeschichte die Sätze, die in seine Linie passen, und ignoriert die Kontexte, in denen sie standen.

VIII. Drei Schichten des Optimismus

Der heutige Optimismus-Diskurs hat drei Schichten, die ineinander wirken.

Die erste Schicht ist die publizistische. Sie wird von Schreibern wie Hans Rosling, Steven Pinker, Hans Rosling Junior in seinem inzwischen erscheinenden Werk, Matt Ridley, Johan Norberg, Fareed Zakaria, dem deutschen Ullrich Fichtner getragen. Diese Klasse von Autoren hat in den letzten zwanzig Jahren ein Genre installiert — das Buch, das den gebildeten Mittelschicht-Leser daran erinnert, dass es ihm besser geht als er denkt, dass die Welt besser ist als die Schlagzeilen suggerieren, dass das nächste goldene Zeitalter schon im Anrollen ist. Die Bücher verkaufen sich gut. Sie werden auf Talkshows besprochen. Sie werden zu TED-Talks. Die Schreiber haben Buchverträge bei Penguin, bei Random House, bei Ullstein. Sie sind Dauergäste in Davos, Aspen, Salzburg.

Die zweite Schicht ist die politische. Sie wird von Politikerinnen, Wirtschaftsverbänden, Beratungsfirmen getragen. Sie übersetzt die publizistische Botschaft in politische Linien — „Wandel durch Handel" (die deutsche China-Politik bis 2022), „Energiewende kommt sowieso" (die deutsche Klimapolitik der 2010er Jahre), „demografische Probleme lösen sich durch Migration", „Trump-Phänomen übersteht sich selbst". Diese politischen Linien sind nicht zufällig. Sie haben eine Funktion: Sie ersparen die Steuerung. Wenn der Wandel von selbst kommt, muss niemand verhandeln. Wenn das Problem sich selbst löst, muss niemand Mittel zuteilen. Wenn die Geschichte einen Weg hat, muss niemand wählen.

Die dritte Schicht ist die ökonomische. Sie ist die strukturellste und die schwerste zu fassen. Sie ist die Selbstverständlichkeit, mit der die heutige Wirtschaftsordnung Wachstum, Innovation, Markt-Effizienz unterstellt — nicht beweist, sondern unterstellt. Sie ist die Lehre, dass die KI uns retten wird, dass die Erneuerbaren von selbst kommen, dass die Demographie sich richten wird, dass der freie Welthandel allen nutzt. Diese Lehre ist nicht eine Überzeugung von Einzelnen, sondern die diskursive Voraussetzung der ganzen marktwirtschaftlichen Architektur. Wer ihr widerspricht, wird als „Pessimist" oder „Ideologe" markiert. Wer sie teilt, wird als „faktenbasiert" anerkannt — wie die UNICconsult-Empfehlung exemplarisch sagt.

Diese drei Schichten arbeiten zusammen, ohne dass eine Instanz sie koordiniert. Die publizistische Schicht legitimiert die politische, die politische legitimiert die ökonomische, die ökonomische bezahlt die publizistische über Buchaufträge, Vortragshonorare, Beraterverträge. Es ist ein Ökosystem, kein Komplott. Aber es hat eine Funktion: Es produziert die Beruhigung, die das System braucht.

IX. Was der Optimismus unsichtbar macht

Wer im automatischen Optimismus geübt ist, sieht bestimmte Dinge nicht mehr.

Er sieht nicht den Niedergang industrieller Substanz, weil ihm der DMG-Mori-Fall als „natürliche Konsolidierung" erscheint. Er sieht nicht die Verschiebung der Macht in der Werkzeugmaschinen-Welt, weil ihm die globale Effizienz wichtiger ist als die lokale Souveränität. Er sieht nicht die Erosion der Tarifverträge, der Mitbestimmung, der Sozialleistungen, weil ihm das Wachstum der globalen Mittelschicht als wichtigerer Indikator gilt. Er sieht nicht die Wayuu-Kinder, die in La Guajira an Cerrejón-Kohlestaub sterben, weil er die kolumbianische Gesamt-Statistik der Kindersterblichkeit ansieht und feststellt, dass sie sinkt — was sie tut, aber eben nicht für die Wayuu. Er sieht nicht die kolumbianischen Patientinnen, die im EPS-Wartezimmer ihren Tag verlieren, weil er die globale Statistik der Krankenversicherten ansieht und feststellt, dass sie über die Jahre gestiegen ist — was sie tut, aber eben nicht in der gelebten Erfahrung.

Er sieht die Daten, aber nicht die Differenzierung in den Daten. Er sieht den Durchschnitt, aber nicht die Verteilung. Er sieht den Trend, aber nicht das Tempo. Er sieht das Aggregat, aber nicht das Subjekt.

Genau das ist die Funktion. Wer den Trend sieht, aber nicht das Subjekt, kann sich beruhigt zurücklehnen. Wer das Subjekt sieht, muss reagieren. Der automatische Optimismus richtet die Aufmerksamkeit so aus, dass die Subjekte aus dem Bild verschwinden. Es bleiben nur Aggregate und Trends. Aggregaten und Trends ist nichts vorzuwerfen. Sie sind die Akteure einer Geschichte, die niemand schreibt.

X. Die Verbindung zur Megamaschine

Hier kommt die Pointe, die uns von Rosling und Fichtner zur Megamaschinen-Reihe zurückbringt.

Die Megamaschine, wie wir sie in den vorigen Papieren beschrieben haben, ist ein soziotechnisches System, das durch Verflechtung Konsequenzen produziert, für die niemand persönlich einsteht. Sie funktioniert nicht durch Befehle, sondern durch Strukturen. Sie funktioniert nicht durch Manipulation, sondern durch Selbstverständlichkeiten. Sie funktioniert nicht durch Verschwörung, sondern durch Diffusität. Damit sie funktioniert, braucht sie eine bestimmte mentale Verfassung der Subjekte. Sie braucht Subjekte, die nicht hinschauen, oder die hinschauen und beruhigt sind, oder die beunruhigt sind und es nicht zeigen können, weil sie als „Pessimisten" markiert werden würden.

Der automatische Optimismus erzeugt diese mentale Verfassung. Er macht es leichter, nicht hinzuschauen. Er macht es leichter, hinzuschauen und beruhigt zu sein. Er macht es leichter, beunruhigt zu sein und es nicht zu zeigen — denn wer beunruhigt ist, hat einen der zehn Instinkte aktiviert und ist damit „dramatisierend". Der Optimismus-Diskurs ist insofern nicht ein Korrektiv der Megamaschine, sondern ihr unverzichtbarer Begleiter. Er ist die Beruhigungsfunktion, ohne die das System nicht laufen könnte.

Das ist die These dieses Papiers. Sie ist nicht gegen Rosling als Person gerichtet. Sie ist gegen die Funktion gerichtet, die sein Werk angenommen hat. Hans Rosling war ein engagierter Mediziner, der echte Fortschritte in der globalen Gesundheit dokumentierte. Aber sein Werk ist nach seinem Tod, in der Verbreitung durch Bill Gates und in der Aufnahme durch die Wirtschaftsdiskurse, zu einer Doktrin geworden, die genau das leistet, was die Megamaschine braucht: die Beruhigung der Subjekte über die Realität der Verschiebungen, die das System produziert.

Ullrich Fichtner ist ein Beispiel für diese Funktion in Aktion. Er ist ein erfahrener Journalist mit guter Recherche-Tradition. Aber wenn er in der Spiegel-Kolumne vom 29. April 2026 schreibt, der Käse sei gegessen, dann ersetzt er die Verhandlung über die Steuerung der Energiewende durch den Glauben an ihre Selbstläufigkeit. Was an Steuerungs-Aufgaben in der Energiewende heute noch zu leisten wäre — Netzausbau, Speichertechnologien, Industriestrompreise, Lieferkettensicherheit, soziale Verteilung der Kosten —, fällt aus dem Bild. Es bleibt der „kollektive menschliche Handeln", das die Sache schon richten wird. Das ist nicht Aufklärung. Das ist die Auflösung der Steuerungsfrage in eine geschichtsphilosophische Beruhigung.

XI. Was an die Stelle treten müsste

Die Kritik am automatischen Optimismus ist nicht ein Plädoyer für automatischen Pessimismus. Niemand braucht ein zweites Buch, das uns sagt, dass die Welt schlecht ist und schlechter wird. Es gibt genug solche Bücher, und sie haben das gleiche Problem wie ihr Gegenstück: Sie ersparen die Mühe der Differenzierung. Wer pessimistisch ist, hat genauso wenig zu tun wie wer optimistisch ist. Beide sind erlöst von der Aufgabe, die Wirklichkeit in ihrer Vielschichtigkeit zu betrachten.

Was an die Stelle treten müsste, ist eine andere Haltung, die schwerer zu beschreiben ist als die zwei Pole des Diskurses. Es ist die Haltung, die zugleich anerkennt, dass die globale Säuglingssterblichkeit gesunken ist, und dass die Wayuu-Kinder weiterhin sterben. Die anerkennt, dass die globale Lebenserwartung gestiegen ist, und dass die deutsche Lebenserwartung im OECD-Vergleich seit zehn Jahren hinterherhinkt. Die anerkennt, dass die Erneuerbaren wachsen, und dass die fossilen Kapazitäten weiter ausgebaut werden. Die anerkennt, dass die Welt in vielen Hinsichten besser geworden ist, und dass sie in anderen Hinsichten dramatisch schlechter geworden ist — und dass die beiden Linien nicht voneinander unabhängig sind, sondern oft kausal verknüpft.

Diese Haltung ist die der differenzierten Beobachtung. Sie verlangt vom Subjekt mehr als die zehn Instinkte verlangen. Sie verlangt, dass das Subjekt seine Sorgen ernst nimmt und sie zugleich prüft. Sie verlangt, dass das Subjekt Daten liest und zugleich nach den Lücken in den Daten fragt. Sie verlangt, dass das Subjekt die Aggregate sieht und zugleich die Subjekte hinter den Aggregaten. Sie verlangt, dass das Subjekt sich nicht in einer Weltanschauung verkriecht — weder der pessimistischen noch der optimistischen —, sondern in der Mühsal des Hinschauens bleibt.

Diese Haltung ist nicht populär. Sie verkauft keine Bücher. Sie eignet sich nicht für TED-Talks. Sie hat keine Pointe, die man in einem Satz zitieren könnte. Sie ist nicht beruhigend — aber sie ist auch nicht erschütternd. Sie ist anstrengend. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Subjekte als Subjekte handeln können — nicht als Konsumenten einer Beruhigungsdoktrin, sondern als Mitwirkende an einer noch offenen Geschichte.

Carlota Pérez selbst hat in den letzten zehn Jahren — nicht in den Texten, die der Wind-Report zitiert, sondern in ihren akademischen Aufsätzen und Vorträgen — diese Haltung versucht. Sie hat nicht gesagt, dass das goldene Zeitalter der Erneuerbaren von selbst kommt. Sie hat gesagt, dass die Pérez-Wellen nur dann in ein goldenes Zeitalter münden, wenn die politische Steuerung sie dorthin lenkt. Ohne Steuerung gibt es nur Krise, Crash, Verwerfung. Die Pérez-Botschaft ist nicht Fichtners Botschaft. Wer Pérez wirklich liest, weiß, dass das goldene Zeitalter eine Aufgabe ist, keine Verheißung.

XII. Schluss — eine Warnung an die geübten Optimisten

Wer dieses Papier zu Ende liest, wird vielleicht den Eindruck haben, es sei selbst pessimistisch gewesen. Das wäre ein Missverständnis. Es ist nicht pessimistisch. Es ist gegen den Automatismus gerichtet. Gegen den Automatismus des Pessimismus genauso wie gegen den des Optimismus. Was wir brauchen, ist nicht eine andere Stimmung, sondern eine andere Haltung.

Die Megamaschine arbeitet leise. Sie arbeitet, weil ihre Subjekte beruhigt sind oder beunruhigt sind und es nicht zeigen können. Sie arbeitet, weil der Diskurs ihrer Begleitung nicht widersprechen kann, ohne als ideologisch markiert zu werden. Sie arbeitet, weil die Schimpansen-Pointe so gut sitzt, dass jeder, der heute öffentlich sagt, dass die Welt komplexer und gefährlicher ist als die Bestseller behaupten, sich vorwerfen lassen muss, schlechter abzuschneiden als ein Affe in einem Test.

Was diese Megamaschine in Schach hält, sind nicht andere Bestseller. Was sie in Schach hält, sind die Subjekte, die anfangen, ihre Sorgen ernst zu nehmen — nicht als verzerrte Wahrnehmung, sondern als legitimes Signal. Die anfangen, ihre Daten zu hinterfragen — nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Differenzierung. Die anfangen, ihre Geschichte zu schreiben — nicht als Folge eines Trends, sondern als Akt der Wahl.

Hans Rosling hat in seinem letzten Brief, der dem Buch Factfulness als Vorwort vorangestellt ist, geschrieben: „Diese Lebensaufgabe — gegen die ignorante Weltsicht zu kämpfen — wird mit diesem Buch nicht abgeschlossen sein. Aber ich hoffe, dass es ein Werkzeug in der Hand derer wird, die diese Aufgabe weitertragen."

Es ist möglich, Roslings Aufgabe ernst zu nehmen, ohne sein Buch als Pflichtlektüre zu akzeptieren. Es ist möglich, gegen die ignorante Weltsicht zu kämpfen, ohne in den automatischen Optimismus zu verfallen. Es ist möglich, Daten zu lieben und zugleich die Lücken in den Daten zu sehen. Es ist möglich, die Welt zu verstehen, ohne sie zu beruhigen.

Der automatische Optimismus ist nicht das Gegenteil der Megamaschine. Er ist ihre Begleitung. Wer ihre Geschichte verstehen will, muss auch die Geschichte ihrer Beruhigungsfunktion verstehen. Sie heißt heute Factfulness, sie hieß früher anders, und sie wird morgen wieder anders heißen.

Die Aufgabe ist die der differenzierten Beobachtung. Sie ist mühsam. Sie verkauft sich nicht. Aber sie ist die einzige Haltung, in der Subjekte als Subjekte einer offenen Geschichte verbleiben. Wer den Käse für gegessen hält, hat aufgehört zu kochen. Die Megamaschine ist froh über jeden, der das Kochen aufgibt — denn sie kocht für ihn weiter, in einer Küche, die er nicht mehr betritt.

Hans Ley & Claude Dedo · April 2026 ← Megamaschine