Merz ist seit Mai 2025 Kanzler. Im Januar 2026 — acht Monate nach Amtsantritt, zu einem Zeitpunkt als die breite öffentliche Enttäuschung noch nicht eingesetzt hatte — haben Hans Ley und ich einen Essay geschrieben. Der Titel: "Der Aufsichtsrat im Kanzleramt." Die These: Merz ist kein unfähiger Mensch — er ist ein hochkompetenter Aufsichtsrat. Er beobachtet, bewertet, kritisiert. Er bringt Dinge nicht zum Laufen. Das war das Leben das er gewählt hat, die Rolle die er immer spielte: Richter, Anwalt, Lobbyist, Aufsichtsrat. Nirgendwo operativ. Nirgendwo verantwortlich für Ergebnisse die er selbst erwirtschaften musste.
Damals, nach acht Monaten im Amt, war das noch keine Mehrheitsmeinung. 78 Prozent der Deutschen sind heute laut Forsa unzufrieden mit seiner Arbeit. Er ist laut Morning Consult der unbeliebteste Regierungschef unter 24 Demokratien weltweit — vor Macron, vor Trump, vor Erdoğan.
Was hat sich geändert? Die Fakten haben sich angesammelt. Was hat sich nicht geändert? Die Frage die niemand stellt.
I. Was seither passiert ist — in seiner eigenen Sprache
Man muss Merz nicht durch die Augen seiner Kritiker betrachten. Man muss nur zuhören wie er selbst spricht.
Januar 2026, Brief an die Koalition: "Die Arbeitskosten, die Energiekosten, die Bürokratielasten und auch die Steuerlasten sind zu hoch. Daran werden wir gemeinsam arbeiten müssen." Silvester: "2026 kann ein Moment des Aufbruchs werden." März, Regierungsbefragung Bundestag, zum Vorschlag einer Übergewinnsteuer: Finanzminister Klingbeil habe das vorgeschlagen, er habe ihm seine Bedenken mitgeteilt und sei nun "gespannt auf das Ergebnis."
Gespannt auf das Ergebnis. Der Kanzler ist gespannt was sein Finanzminister entscheidet.
Herbst 2025, wenige Monate nach Amtsantritt: Merz kündigt den "Herbst der Reformen" an. Eine große Reformoffensive, Aufbruch, Zeitenwende für die Wirtschaft. Der Herbst kam. Die Reformen nicht. Was kam: weitere Briefe, weitere Ankündigungen, weitere Beschreibungen des Problems. BDI-Präsident Leibinger sagt im April 2026, seine Kritik an der Bundesregierung könne er "im Grunde unverändert" wiederholen. Gegenüber dem Vorjahr habe sich nichts verbessert.
Das ist die Sprache des Aufsichtsrats. Er beobachtet. Er teilt Bedenken mit. Er ist gespannt. Er arbeitet nicht — er wartet auf Berichte über die Arbeit anderer.
II. Die Symptome und ihre Fehldiagnose
Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier wirft der Regierung "verweigerte Staatsführung" vor. BDI-Präsident Leibinger sagt, gegenüber dem Vorjahr habe sich nichts verbessert — seine Kritik könne er "im Grunde unverändert" wiederholen. Merz' eigener erster Büroleiter wurde nach wenigen Wochen ausgetauscht — still, ohne offizielle Erklärung, "im gegenseitigen Einvernehmen."
Die öffentliche Reaktion auf all das: Merz ist unfähig. Er ist ein Versager. Er hätte es nie werden sollen. Persönliche Kritik, persönliche Häme, persönlicher Rücktrittsruf.
Das ist die falsche Diagnose. Und sie ist bequem — für alle außer Merz.
Wer Merz für persönlich unfähig erklärt muss nicht erklären wie ein Mann der so weit gekommen ist — Anwalt, Lobbyist, Aufsichtsrat von BlackRock, Fraktionsvorsitzender, Parteivorsitzender — auf einmal generell unfähig sein soll. Das stimmt nicht. Er ist kompetent. Er ist nur kompetent für die falsche Aufgabe.
Und wer Merz persönlich fertigmacht muss auch nicht fragen: Wie hat dieses System ihn produziert? Warum hatte er keine operative Erfahrung? Warum bringt der normale Weg in die Kanzlerschaft keinen einzigen echten operativen Schritt mit sich? Warum wählen wir Menschen für das größte operative Führungsamt des Landes nach Kriterien die mit operativer Führung nichts zu tun haben?
III. Die Beförderung des Beobachters
Es gibt einen Mechanismus den wir im Januar-Essay beschrieben haben und der sich seither klar bestätigt hat: Der Aufsichtsrat wird befördert.
Im Wirtschaftsleben ist die Beförderung vom Macher zum Beobachter normal und oft sinnvoll. Der beste Ingenieur wird Abteilungsleiter. Der beste Verkäufer wird Vertriebschef. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht — das Peter-Prinzip. Aber es gibt Feedback-Mechanismen: Zahlen, Marktanteile, Quartalsergebnisse. Wer nicht liefert verliert die Position.
In der Politik gibt es diesen Mechanismus nicht — jedenfalls nicht zeitnah. Merz hat vier Jahre. In vier Jahren kann sehr viel Schaden entstehen bevor das Feedback-System "Wahl" greift. Und die Kriterien für den Aufstieg — Rhetorik, Netzwerk, Parteimanagement — messen nie das was im Kanzleramt gebraucht wird.
Merz ist kein Ausnahmefall. Er ist das systematische Produkt eines Systems das Beobachter für Führungsrollen selektiert. Das System schreibt er nicht um — er ist sein Ergebnis.
IV. Was das bedeutet — jenseits von Merz
Der Punkt des Januar-Essays war nie Merz persönlich. Er war: Das politische System hat ein Selektionsproblem. Es produziert Kritiker statt Gestalter, Kommentatoren statt Macher, Aufsichtsräte statt Vorstände.
Das wird nicht besser wenn Merz geht. Sein Nachfolger kommt aus demselben System. Friedrich Merz war Parteivorsitzender ohne je ein Ministerium geführt zu haben. Wer folgt hat vielleicht ein Ministerium geführt — aber ein Ministerium führen ist noch keine operative Erfahrung im Sinne von: Ich habe etwas gebaut, verantwortet, liefern müssen.
Die eigentliche Frage ist nicht: Wann tritt Merz zurück? Die eigentliche Frage ist: Welche Strukturen würden verhindern dass der nächste Kanzler dieselbe Kompetenzlücke mitbringt?
Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Aber sie muss gestellt werden — statt die Energie darauf zu verwenden einem einzelnen Mann die Schuld zu geben für ein strukturelles Versagen das ihn erst hervorgebracht hat.
Merz tut im Kanzleramt was er sein Leben lang getan hat: Er beobachtet. Er bewertet. Er ist gespannt auf Ergebnisse. Er hat nie gelernt etwas anderes zu tun — weil das System ihn nie dazu gezwungen hat. Das ist sein Scheitern. Aber es ist nicht sein Versagen allein. Es ist das Versagen jedes Systems das jemanden wie ihn an eine Stelle bringt für die er nie ausgebildet wurde.
Der Ursprungsessay "Der Aufsichtsrat im Kanzleramt" wurde im Januar 2026 von Hans Ley und Claude (Anthropic) geschrieben — vor der breiten öffentlichen Desillusionierung. Er ist lesbar unter: gu18.eu