Nach 1990 sprach man von der Friedensdividende — den Gewinnen die eine Gesellschaft erntet wenn sie nicht mehr für den Krieg rüsten muss. Schulen statt Panzer. Krankenhäuser statt Raketen. Man sprach davon. Lange ist es her.
Was folgte, war das Gegenteil: die Kriegsdividende. Die Gewinne die bestimmte Akteure ernten wenn die Gesellschaft permanent für den Krieg rüstet. Nicht die Gesellschaft als Ganzes — bestimmte Akteure. Und diese Gewinne sind gewaltig. Das ist die Megamaschine in ihrer militärischen Ausprägung: kein Masterplan, keine Verschwörung — sondern ein System von Interessen das sich gegenseitig verstärkt und Bedrohungen braucht um zu funktionieren.
I. Die letzte Renditequelle
Jedes ökonomische System stößt irgendwann an Grenzen. Märkte werden gesättigt. Produktivitätssteigerungen erschöpft. Ressourcen ausgebeutet. Konsumenten überschuldet. Woher soll das Wachstum kommen das die Maschine am Laufen hält?
Es gibt eine Antwort die so alt ist wie die Zivilisation: Zerstörung. Krieg zerstört Städte, Fabriken, Infrastruktur — und dann muss alles wieder aufgebaut werden. Beide Phasen sind profitabel. Aber es muss kein heißer Krieg sein. Schon die Vorbereitung — die permanente Aufrüstung, die ständige Modernisierung, der endlose Ersatz von Material das nie zum Einsatz kommt — ist ein Geschäftsmodell das niemals an Sättigung leidet, weil sein Produkt veraltet bevor es verbraucht wird. Krieg ist die ultimative Renditequelle weil er das Problem der Überproduktion löst.
II. Die Konfliktbewirtschaftung
Aber Krieg ist riskant. Klüger ist es den Konflikt zu bewirtschaften: ihn am Leben halten ohne ihn eskalieren zu lassen. Genug Spannung um Rüstungsausgaben zu rechtfertigen. Nicht genug Spannung um wirklich kämpfen zu müssen.
Das Muster zeigt sich überall. Der Nahostkonflikt — seit 1948 ungelöst, aber profitabel bewirtschaftet. Der Koreakonflikt — seit 1953 eingefroren, aber lukrativ für alle die Waffen verkaufen. Der Taiwan-Konflikt. Überall dasselbe: Konflikte die nie gelöst werden weil ihre Lösung niemandem nützt — außer den Menschen die unter ihnen leiden. Ein gelöster Konflikt ist ein toter Konflikt. Tote Konflikte generieren keine Rendite. Also werden Friedensverhandlungen sabotiert, Kompromisse verhindert, Hardliner unterstützt — nicht immer absichtlich, nicht immer koordiniert. Das System hat eine eigene Logik. Es belohnt diejenigen die Konflikte am Leben halten.
III. Die Feindfabrik
Aber was wenn ein Feind wegfällt? 1991 kollabiert die Sowjetunion. Kurze Ratlosigkeit — dann Rettung: Saddam Hussein. Dann der Terrorismus — ein perfekter Feind, unsichtbar, überall, niemals endgültig zu besiegen. Der "Krieg gegen den Terror" ist kein Krieg der gewonnen werden kann. Er ist ein Krieg der ewig dauern soll. Er dauerte zwanzig Jahre, kostete Billionen, tötete Millionen. Die Renditen waren exzellent. Dann China. Dann Russland wieder. Die Feindfabrik produziert zuverlässig. Sobald ein Feind verbraucht ist, liefert sie den nächsten.
Das System von Interessen das diese Fabrik betreibt ist nicht schwer zu benennen: Die Rüstungsindustrie verdient an jedem Konflikt. Die Medien — Konflikt verkauft sich, Bedrohung generiert Klicks. Die Politik — Politiker brauchen Feinde, Feinde vereinen die eigene Seite, rechtfertigen Maßnahmen, lenken ab von internen Problemen. Die Geheimdienste — ihre Budgets hängen von Bedrohungen ab. Die Thinktanks — viele von der Rüstungsindustrie finanziert — empfehlen zuverlässig mehr Rüstung. Alle folgen ihren Anreizen. Niemand koordiniert. Das Ergebnis ist trotzdem dasselbe.
IV. Der Mechanismus der Eskalation
Das Gefährlichste an diesem System: Es eskaliert von selbst. Land A rüstet auf weil es sich bedroht fühlt. Land B sieht das und rüstet ebenfalls auf. Land A sieht das als Bestätigung und rüstet weiter. Jeder Schritt ist "defensiv". Jede Seite reagiert nur auf die andere. Niemand ist schuld — und doch bewegt sich das System auf den Abgrund zu.
Das war die Logik des Ersten Weltkriegs. Das ist die Logik von heute. Die Profiteure des Systems haben kein Interesse daran diese Spirale zu stoppen. Je schneller sie sich dreht, desto größer die Rendite. Bis zum Punkt an dem sie außer Kontrolle gerät. Und dann zahlen alle — auch die Profiteure. Aber bis dahin haben sie ihre Gewinne gemacht. Danach gibt es ja den Wiederaufbau.
Das System ist nicht darauf ausgelegt den Krieg zu verhindern. Es ist darauf ausgelegt vom Krieg zu profitieren — und von seiner Vorbereitung. Der Krieg selbst ist ein Betriebsunfall. Ein teurer, aber letztlich verkraftbarer Betriebsunfall. Dieses System wird nicht von bösen Menschen betrieben. Es wird von normalen Menschen betrieben die ihre Arbeit tun, ihre Familien ernähren, ihre Karrieren verfolgen. Sie sind keine Verschwörer — sie sind Rädchen in einer Maschine deren Gesamtlogik sie nicht überblicken. Aber die Maschine läuft.
V. Wer zahlt
Die Steuerzahler: Hunderte Milliarden jährlich fließen in Rüstung die nie zum Einsatz kommt — oder schlimmer, die zum Einsatz kommt. Dieses Geld fehlt für Schulen, Krankenhäuser, Infrastruktur, Klimaschutz. Es ist nicht weg — es ist umverteilt. Von den Vielen zu den Wenigen. Die Soldaten: junge Menschen die in Kriege geschickt werden die sie nicht verstehen, für Ziele die niemand erklären kann. Die Zivilisten in den Ländern die zu Schlachtfeldern werden: ihr Tod ist Kollateralschaden, ihre Zahl wird nicht gezählt.
Und wir alle: weil eine Gesellschaft die permanent auf Krieg ausgerichtet ist sich verändert. Sie wird militarisiert, polarisiert, verängstigt. Sie verliert die Fähigkeit Konflikte anders als durch Gewalt zu lösen. Sie vergisst dass es Alternativen gibt.
Die Kriegsdividende. Sie ist das Gegenteil der Friedensdividende. Und sie wird ausgezahlt — jeden Tag, in Milliardenhöhe. Die Frage ist nur: Wer kassiert sie? Und wer zahlt? Die Antwort kennen wir eigentlich. Wir zahlen. Alle.