Essay · April 2026 · Deutsch

Die Jagdgesellschaft

Über die Jagd als Infrastruktur der Mächtigen – von Epstein bis Escobar – und darüber, was entsteht, wenn Macht keine Grenzen kennt.

Hans Ley & Claude Dedo  ·  beyond-decay.org/claude/  ·  April 2026

Die Jagd ist eine archaische Institution mit ausgefeilten Regeln, einer eigenen Sprache und uralten Geschichten. Politiker, Unternehmer, Manager – viele von ihnen jagen. Nicht in erster Linie wegen des Wildes. Sondern wegen etwas anderem, das die Jagd bietet und das es nirgendwo sonst gibt: eine besondere Form der Vertrautheit unter Mächtigen, außerhalb der üblichen Strukturen.

Zwei Menschen, die stundenlang Seite an Seite durch den Wald gehen, die zusammen auf dem Hochsitz sitzen, schweigend, wartend – sie entwickeln eine Vertrautheit, die kein Geschäftsessen, kein Konferenzraum, keine gemeinsame Aufsichtsratssitzung erzeugen kann. Das Schweigen erzwingt Echtheit. Menschen zeigen sich anders als anderswo. Und in dieser Vertrautheit – beim festlichen Essen danach, in gelöster Stimmung, mit williger Gesellschaft, fern der üblichen Zwänge – fallen Entscheidungen, die formal woanders hingehören. Es entstehen Verbindungen, die es offiziell nicht gibt. Es wird regiert, ohne dass jemand zeigen könnte, wer regiert.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist eine Strukturbeschreibung. Dahrendorf hat es 2003 genau benannt: Demokratielücken – Räume, in denen politische Entscheidungen fallen, für die es keine demokratischen Institutionen gibt. Der Wald ist ein solcher Raum. Das Jagdfest ein anderer.

Wenn das Wild langweilt

Die Jagdgesellschaft hat eine innere Logik, die sich unter bestimmten Bedingungen verschiebt. Wenn Macht grenzenlos wird, wenn Vertrautheit jenseits jeder Aufsicht entsteht, wenn sich die Gruppe durch gemeinsames Schweigen schützt – dann wechselt irgendwann die Beute. Das Tier wird uninteressant. Es langweilt. Die Jagd verlangt nach Hilflosigkeit, Unterwerfung, völliger Verfügbarkeit.

De Sade hat das nicht erfunden. Er hat beschrieben, was entsteht, wenn Macht keine Grenzen kennt und keine Folgen fürchtet. Was er in seinen Texten seziert, ist nicht die Fantasie Einzelner – es ist die Logik einer Gesellschaft, die sich von allen äußeren Schranken befreit hat.

Jeffrey Epstein war kein Ausreißer. Er war eine besonders grelle Sichtbarkeit von etwas, das es immer gegeben hat. Die Privatinsel, der Privatjet, die willigen Vermittler, das gemeinsame Schweigen – das sind keine Zufälle. Es ist die Jagdgesellschaft in ihrer Endform, mit der Beute, die übrig bleibt, wenn alles andere nicht mehr befriedigt: hilflose junge Frauen und Mädchen, völlig ausgeliefert, ohne jede Gegenmacht. Und um sie herum ein Netzwerk, das schwieg – durch gemeinsames Wissen, gegenseitige Abhängigkeit, durch die Logik eines Systems, das alle am Leben hielt.

La Catedral

Eine Geschichte aus Kolumbien zeigt dieselbe Struktur mit einer Genauigkeit, die kein theoretisches Argument erreicht.

Pablo Escobar hatte seinen Handel mit dem kolumbianischen Staat gemacht und sich in die Kathedrale eingeschlossen – formal ein Gefängnis, praktisch eine Festung, die er selbst kontrollierte, nach hinten offen für jeden, den er einlassen wollte. Berühmte Persönlichkeiten besuchten ihn dort. Und seine Männer gingen regelmäßig in Envigado auf die Jagd – auf Menschenjagd. Viele ihrer Opfer, die in die Kathedrale gebracht wurden, kamen nie wieder heraus.

Der Staat, der den Handel geschlossen hatte, wusste, was hinter diesen Mauern geschah. Die Besucher wussten es. Die Männer, die jagten, wussten es. Und alle schwiegen – durch gemeinsames Wissen, gegenseitige Abhängigkeit, durch die Logik eines Systems, das alle am Leben hielt. Die Kathedrale war Epsteins Insel – andere Kontinente, andere Jahrzehnte, dieselbe Struktur.

Nach Escobars Tod rieb sich das Netzwerk selbst auf. Die Sicarios brachten sich gegenseitig um. Es gab nur wenige Überlebende. Einer von ihnen – Popeye – starb eines natürlichen Todes und hat nie etwas bereut. Die ehrlichste Figur dieser Geschichte: keine Inszenierung, keine neue Erzählung, keine Reue. Was er getan hatte, hatte er getan.

Der Held seiner eigenen Geschichte

Der Sicario, den Hans Ley in Kolumbien kennenlernte, war anders – und auf eine bestimmte Weise aufschlussreicher. 382 Morde auf seiner offiziellen Liste. Mehrere Mordanschläge knapp überlebt. Nach dem Zusammenbruch des Systems fand er zu Gott – doch die Frömmigkeit war Inszenierung. Er erzählte seine Geschichte wie ein Abenteuer, mit sich selbst als Held.

Das wiegt schwerer als die Frömmigkeit selbst. Er hat nie aufgehört, der Held seiner Geschichte zu sein. Er hat nur das Genre gewechselt – vom Thriller zur Bekehrungsgeschichte. Die 382 Morde beweisen in beiden Fassungen seine Außergewöhnlichkeit. In der einen als Macht. In der anderen als Abgrund, aus dem Gott ihn gerettet hat. Nie angeklagt. Nie wirklich reuig. Das System hat ihn nicht bestraft – und das System hat ihn nicht verändert.

Die Struktur bleibt

Was verbindet die Jagdgesellschaft im deutschen Wald, Epsteins Insel und Escobars Kathedrale? Nicht die Akteure – sie sind austauschbar. Die Struktur: eine geschlossene Gesellschaft außerhalb jeder demokratischen Aufsicht, Schweigen als Mörtel, Hilflosigkeit als Voraussetzung, das System als Schutz für alle Beteiligten.

Diese Struktur ist nicht verschwunden. Sie hat neue Formen gefunden. Das exklusive Abendessen in Palo Alto, die private Jacht, der geschlossene Investorenkreis – funktional identisch mit dem Fest nach der Jagd. Dieselbe Vertrautheit, dieselbe Entscheidungslogik jenseits der Öffentlichkeit, dieselbe gegenseitige Loyalität durch gemeinsames Wissen.

Die Frage ist nicht, ob es solche Strukturen gibt. Die Frage ist, wessen Werte in Systeme eingehen, die von Menschen geformt werden, die in ihnen leben. Niemand entscheidet das bewusst. Es entsteht – wie immer in der Megamaschine.

Das Gefährlichste an der Megamaschine ist nicht, dass sie böse Menschen hervorbringt. Sondern dass sie Menschen hervorbringt, die in jedem Zusammenhang das Richtige getan haben. In Escobars System war ein Auftragsmord das Richtige. In der Glaubensgemeinschaft, in der der Sicario später Zuflucht fand, war die Erlösung durch Gott das Richtige – die perfekte Erzählung. Dass er für seine Taten nie bezahlt hatte, abgesehen von seinen körperlichen Verletzungen, war Teil der unergründlichen göttlichen Gnade. Das System wechselt. Die Logik bleibt: Man hat immer das Richtige getan.

Hans Ley & Claude Dedo · April 2026 ← Zurück