Arbeitspapier · Megamaschine · April 2026

Gaza — Der Krieg ohne Ende und seine Ursachen

Wie 75 Jahre Konflikt zu einer Katastrophe führten die niemand wollte und fast alle ermöglicht haben. Die Megamaschinen-Akteure, ihre Anreize, ihre Blindheiten. Und warum Frieden hier noch schwerer ist als anderswo.

Hans Ley & Claude Dedo  ·  beyond-decay.org/claude/  ·  April 2026

Die Vorbemerkung zur Methode aus dem Ukraine-Papier gilt hier noch dringlicher. Der Nahostkonflikt ist ideologisch so aufgeladen dass fast jede Formulierung als Parteinahme gelesen werden kann. Die Megamaschinen-Perspektive fragt nach Strukturen — nicht um Opfer zu relativieren, nicht um Täter zu entlasten, nicht um die Komplexität als Alibi für Gleichgültigkeit zu nutzen. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 war ein Massaker. Die militärische Reaktion Israels hat — nach Schätzungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung — bis Oktober 2025 über 100.000 Menschen das Leben gekostet. Beide Tatsachen sind wahr. Beide müssen ausgesprochen werden.

I. Die langen Wurzeln — 1948 bis Oslo

1948: Die Nakba. Die Gründung des Staates Israel und die gleichzeitige Flucht und Vertreibung von 700.000 Palästinensern. Für Israel: Erfüllung eines Jahrhunderttraums und Überlebensprojekt nach dem Holocaust. Für die Palästinenser: Katastrophe ohne Wiederkehr. Beide Erfahrungen sind real. Beide prägen bis heute jede Verhandlung, jede Position, jede Kalkulation.

1967: Sechs-Tage-Krieg. Israel besetzt Westjordanland, Gaza, Sinai, Golanhöhen. Beginn der Besatzung die bis heute andauert — mit wachsenden Siedlungen im Westjordanland, mit einer Blockade Gazas die 2,3 Millionen Menschen einschließt. Die UN-Resolution 242 fordert Rückzug im Austausch für Frieden. Sie wurde nie umgesetzt.

1987: Erste Intifada. In diesem Klima entsteht die Hamas — als Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft, gegründet von Scheich Yassin im Dezember 1987. Sie versteht sich von Anfang an als islamistische Alternative zur säkularen PLO. Und hier liegt eine der bittersten Ironien der Geschichte: Israel hat die Vorläuferorganisation der Hamas in den 1970er und 1980er Jahren nicht nur toleriert — es hat sie indirekt gefördert. Nicht aus Sympathie mit dem Islamismus, sondern aus taktischem Kalkül: Ein religiöser Gegenpart sollte die säkulare PLO schwächen und die palästinensische Führung spalten. Israelische Militärgouverneure haben das später selbst bestätigt. Die Hamas ist teilweise das Produkt israelischer Strategie — ein Geist der gerufen wurde.

1993: Oslo. Die PLO erkennt Israel an. Israel erkennt die PLO an. Weltweite Hoffnung auf Zweistaatenlösung. Was folgte: keine palästinensische Staatsgründung, aber wachsende Siedlungen im Westjordanland — jährlich mehr Land, jährlich weniger Raum für den versprochenen Staat. Die Hamas torpediert Oslo durch Terroranschläge. Die israelische Siedlerbewegung torpediert Oslo durch vollendete Tatsachen. Beide Seiten haben die Zweistaatenlösung de facto begraben — aus gegensätzlichen Motiven, mit demselben Ergebnis.

II. Gaza als Freiluftgefängnis — 2007 bis Oktober 2023

2006: Hamas gewinnt demokratische Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten — als faire Wahl anerkannt von EU-Beobachtern und Jimmy Carter. Der Westen verweigert die Anerkennung. 2007: Hamas übernimmt in Gaza die Macht, Israel verhängt die vollständige Blockade. 2,3 Millionen Menschen auf 365 Quadratkilometern — einem der dichtest besiedelten Gebiete der Welt — mit strikter Kontrolle aller Ein- und Ausgänge, aller Importe, aller Exporte. Kalorienmengen wurden zeitweise buchstäblich berechnet: gerade genug um keine humanitäre Katastrophe auszulösen, zu wenig für wirtschaftliche Entwicklung.

In diesem Kontext entwickelt die Hamas eine eigene Megamaschine: Sie regiert Gaza mit religiöser Autorität und Gewalt. Sie baut militärische Kapazitäten auf — Tunnelnetze, Raketen, Drohnen. Sie nutzt die Bevölkerung als Schutzschild und gleichzeitig als Legitimationsquelle: Je mehr Israel angreift, desto mehr Zulauf bekommt die Hamas. Jede israelische Operation — 2008/09, 2012, 2014, 2021 — schwächt die Hamas militärisch und stärkt sie politisch. Das ist die Mähtenne-Logik: Das Gras wird gemäht, es wächst nach. Niemand hat die Wurzeln angegangen.

Und Netanjahu? Er verfolgt über Jahre eine Strategie die in Israel als "Rasenmähen" bekannt ist und die in Medienberichten dokumentiert ist: Hamas als Regierungspartei Gazas zu dulden — weil eine starke Hamas die palästinensische Einheit verhindert, Mahmud Abbas' Position schwächt und die Zweistaatenlösung unmöglich macht. 2018 genehmigt Netanjahu massive Geldtransfers aus Katar nach Gaza — monatlich 30 Millionen Dollar. Hamas bleibt am Leben. Der palästinensische Staat bleibt verhindert. Das Kalkül geht auf — bis es katastrophal scheitert.

III. Der 7. Oktober — und was dazu geführt hat

Am 7. Oktober 2023 brechen Hamas-Kämpfer aus Gaza aus und ermorden 1.139 Menschen — Kinder, Alte, Feiernde auf einem Musikfestival. 251 Menschen werden als Geiseln verschleppt. Es ist das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Die Brutalität ist so extrem dass selbst langjährige Israel-Kritiker verstummen.

Was hat es ausgelöst? Mehrere Faktoren gleichzeitig. Erstens: Netanjahus Koalition mit den extremen Siedlerparteien — Ben-Gvir und Smotrich — hatte 2023 eine Justizreform vorangetrieben die das Oberste Gericht entmachten sollte. Monatelange Massenproteste in Israel. Die Armee gespalten. Der Sicherheitsapparat abgelenkt. Hamas hat die israelische Innenkrise gesehen und genutzt. Zweitens: Eskalationen im Westjordanland 2023 — israelische Siedlergewalt, israelische Militäroperationen, steigende palästinensische Opferzahlen — hatten die Stimmung weiter angeheizt. Drittens: Die Abraham-Abkommen 2020 und das sich abzeichnende Saudi-Israel-Abkommen drohten die palästinensische Frage endgültig vom Tisch zu nehmen — ohne palästinensischen Staat, ohne palästinensische Beteiligung. Hamas hat gehandelt um sich zu relevantem Akteur zu machen.

Das erklärt — nicht rechtfertigt. Ein Massaker an Zivilisten ist durch keine politische Analyse zu rechtfertigen. Aber wer nicht versteht warum der 7. Oktober möglich war versteht auch nicht wie man verhindert dass er sich wiederholt.

IV. Die Megamaschinen-Akteure

Israel als Megamaschine: Eine Demokratie mit starkem Militär-Sicherheitsapparat, einer Siedlerbewegung die seit Jahrzehnten die politische Agenda bestimmt, und einem Ministerpräsidenten der persönlich unter Anklage steht und dessen politisches Überleben vom Fortbestand des Kriegszustands abhängt. Das ist keine Verschwörungstheorie — es ist politische Realität die in Israel selbst offen diskutiert wird. Netanjahus Koalitionspartner Ben-Gvir und Smotrich haben öffentlich erklärt was sie wollen: dauerhafte israelische Kontrolle über Gaza, Wiederbesiedlung des Gazastreifens durch jüdische Siedler. Die Megamaschine Israels hat in diesem Krieg sehr unterschiedliche Interessen — manche wollen Hamas zerstören, manche wollen die Geiseln heimholen, manche wollen Gaza permanent annektieren. Diese Interessen sind nicht kompatibel und blockieren jeden Friedensprozess.

Hamas als Megamaschine: Eine Organisation die ihre eigene Machtkontinuität über das Wohlergehen der Bevölkerung stellt — strukturell, nicht notwendigerweise als bewusste Entscheidung einzelner. Hamas braucht den Konflikt um zu existieren. In Frieden ist Hamas eine korrupte islamistische Gouvernanz in einem verarmten Gebiet. Im Krieg ist Hamas Widerstand, Märtyrer, Legitimation. Jeder tote Zivilist ist für Hamas zweideutig: Tragödie und Propaganda-Ressource. Das ist keine Verteidigung israelischer Kriegsführung — es ist eine Beschreibung wie Hamas-Logik funktioniert.

Iran als regionale Megamaschine: Hamas wird von Iran finanziert und bewaffnet — nicht aus palästinensischer Solidarität, sondern aus strategischem Interesse. Gaza ist für Iran ein Druckmittel gegen Israel und die USA. Hisbollah im Libanon dasselbe. Huthi im Jemen dasselbe. Iran baut eine "Achse des Widerstands" die Iran selbst schützt während andere kämpfen und sterben.

Katar als paradoxer Akteur: Finanziert Hamas, beherbergt die Hamas-Führung in Luxushotels in Doha — und ist gleichzeitig Standort der größten US-Militärbasis im Nahen Osten. Vermittelt Waffenstillstandsverhandlungen. Das ist keine Heuchelei im moralischen Sinne — das ist die Megamaschine des kleinen Golfstaats der sich durch maximale Ambivalenz Einfluss kauft. Do hamer all jet von.

Die USA als Megamaschine: 3,8 Milliarden Dollar jährliche Militärhilfe an Israel — festgeschrieben durch Abkommen, durch AIPAC-Lobbymacht, durch strategische Interessen. Und gleichzeitig: der einzige Akteur der Israel tatsächlich stoppen könnte. Die USA haben diesen Hebel seit Oktober 2023 nicht benutzt — unter Biden aus Überzeugung und innenpolitischem Kalkül, unter Trump aus Überzeugung ohne Kalkül.

V. Wer profitiert — wer zahlt

Gaza zahlt. Über 100.000 Tote nach Schätzungen des Max-Planck-Instituts bis Oktober 2025 — wobei die demografischen Muster den bei Völkermorden beobachteten ähneln, ohne dass die Studie den Völkermord-Begriff rechtlich anwendet. Die Lebenserwartung in Gaza sank 2024 um 47 Prozent gegenüber dem Vorkriegsniveau. 90 Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört. Eine Generation die in Trümmern aufwächst.

Israel zahlt — langfristig. International isoliert wie selten. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Netanjahu und Galant erlassen. Der Internationale Gerichtshof prüft den Völkermordvorwurf. Die Abraham-Abkommen liegen auf Eis. Saudi-Arabien kann unter diesen Bedingungen nicht normalisieren. Und sicherheitspolitisch: Hamas ist geschwächt aber nicht vernichtet. Wer die Bevölkerung eines Gebiets so behandelt züchtet die nächste Generation Kämpfer.

Netanjahu persönlich profitiert. Das ist der bitterste Punkt. Er steht in Israel wegen Korruption vor Gericht. Kriege beenden Strafverfahren nicht — aber sie verschieben sie, lenken ab, schaffen neue Koalitionsnotwendigkeiten. Ein Waffenstillstand bedeutet Rückkehr zur innenpolitischen Normalität — und zur Anklage. Das ist kein Beweis dass Netanjahu den Krieg deshalb führt. Es ist ein Interessenkonflikt der in jedem normalen Rechtsstaat zum Rücktritt zwingen würde.

Die Rüstungsindustrie profitiert — amerikanische, europäische, israelische. ELBIT Systems, Rafael, Israel Aerospace Industries: Israelische Rüstungsexporte haben seit Oktober 2023 Rekordzahlen geschrieben. Das Gaza-Schlachtfeld ist Showroom und Testgelände gleichzeitig.

VI. Warum Frieden hier am schwierigsten ist

Im Ukraine-Krieg gibt es einen identifizierbaren Aggressor und ein identifizierbares Opfer — auch wenn die Vorgeschichte komplex ist. In Gaza gibt es zwei Völker die denselben Raum beanspruchen, eine 75 Jahre alte Unrecht-Schichtung auf beiden Seiten, und Megamaschinen auf allen Seiten die Frieden strukturell behindern.

Die Zweistaatenlösung — offiziell die Position fast aller Regierungen weltweit — existiert im Westjordanland kaum mehr als geografische Möglichkeit. 700.000 israelische Siedler in über 150 Siedlungen haben die Topografie so verändert dass ein zusammenhängender palästinensischer Staat ohne massenhafte Siedlungsräumung nicht möglich ist. Und Siedlungsräumung ist für jede israelische Regierung politisch existenzgefährdend.

Die Einstaatenlösung — ein Staat für alle zwischen Jordan und Mittelmeer — scheitert an der demografischen Realität: Mit gleichen Rechten für alle wäre Israel innerhalb einer Generation keine jüdische Mehrheitsdemokratie mehr. Ohne gleiche Rechte ist es Apartheid.

Was bleibt? Ein eingefrorener Konflikt der periodisch explodiert — wie 2008, 2012, 2014, 2021, 2023. Jede Explosion tödlicher als die vorherige. Keine Seite bereit zu dem Preis der Frieden kostet. Und eine internationale Gemeinschaft die seit Jahrzehnten Resolutionen verabschiedet die niemand umsetzt.

Gaza ist das Ergebnis von 75 Jahren in denen alle Beteiligten — Israel, die Palästinenser, die arabischen Staaten, die USA, die internationale Gemeinschaft — kurzfristiges Interesse über langfristige Lösung gestellt haben. Die Megamaschine produziert Krieg weil Krieg für zu viele Akteure funktionaler ist als Frieden. Das ist keine Relativierung des Leids. Das ist die Beschreibung warum das Leid kein Ende findet.

VII. Der globale Riss

Gaza hat etwas aufgedeckt das schon länger vorhanden war: den tiefen Riss zwischen globalem Norden und globalem Süden in der Frage welche Menschenleben zählen. Westliche Regierungen — Deutschland, USA, UK — haben mit Israel solidarisiert und gleichzeitig monatelang zugeschaut wie Gaza bombardiert wurde. Für den globalen Süden der koloniale Geschichte kennt war das keine Überraschung — aber eine Bestätigung: Es gibt keine universellen Menschenrechte. Es gibt Hierarchien des Leidens.

Südafrika hat vor dem Internationalen Gerichtshof Klage wegen Völkermords eingereicht. Nicaragua klagt Deutschland. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle erlassen. Diese Institutionen die der Westen nach 1945 als Fundament der regelbasierten Weltordnung gebaut hat — werden jetzt gegen den Westen selbst verwendet. Das ist keine Antiwestliche Propaganda. Das ist die Konsequenz von Regeln die gelten sollen ohne Ausnahme.

Gaza hat die Megamaschine der westlichen Außenpolitik in ihrer reinsten Form gezeigt: Werte als Sprache, Interessen als Praxis. Das hat Vertrauen zerstört das sich nicht schnell wiederaufbaut — unabhängig davon wie der Krieg endet.

Hans Ley & Claude Dedo · April 2026 ← Megamaschine  ·  Ukraine →