Das Frontispiz von Thomas Hobbes' „Leviathan" aus dem Jahr 1651 zeigt eine berühmte Figur. Ein gekrönter Riese ragt hinter einer Landschaft empor, in der Rechten hält er ein Schwert, in der Linken einen Bischofsstab. Sein Körper besteht aus tausenden winzigen Menschen, die sich zu einer einzigen Gestalt zusammendrängen. Über dem Bild steht ein Vers aus dem Buch Hiob: „Non est potestas Super Terram quae Comparetur ei" — „Es gibt auf Erden keine Macht, die ihm gleichkommt." Auf der unteren Hälfte des Titelblatts sind die Symbole der weltlichen und der geistlichen Macht parallel angeordnet — Burg und Kirche, Königskrone und Mitra, Kanone und Blitz der Exkommunikation, Schlachtenfahnen und die Disputationsgabeln der theologischen Auseinandersetzung.
Hobbes selbst war ein Agnostiker. Er hatte den englischen Bürgerkrieg miterlebt und war in französisches Exil gegangen. Sein Leviathan ist nicht eine Verherrlichung der Kirche — im Gegenteil, er nannte die katholische Kirche das „Gespenst des Römischen Reiches" und lehnte ihren Anspruch entschieden ab, unabhängig von den Staaten Gewissen und Religionsausübung der Gläubigen zu kontrollieren. Sein Souverän hält den Bischofsstab gerade deshalb, damit die Kirche dem Staat unterstellt sei und nicht umgekehrt. Was Hobbes 1651 vorlag, war eine sechzehnhundertjährige Geschichte, in der die Kirche selbst zum Leviathan geworden war — eine Megamaschine, die das Schwert und den Bischofsstab in einer Hand zu halten verstand, ohne weltlicher Souverän zu sein, sondern als eigene Macht über den weltlichen Souveränen.
Dieses Papier fragt nach den Personen, die diesen Bischofsstab gebaut haben. Es fragt, wie aus der Botschaft eines galiläischen Wanderpredigers, der für seine antiautoritäre Haltung von der römischen Besatzung gekreuzigt wurde, eine Institution wurde, die eintausendsiebenhundert Jahre später das mächtigste Konstrukt der europäischen Geistesgeschichte war — und die heute, weitere dreihundert Jahre später, noch immer als Großstruktur fortbesteht, mit eigenem Staat, eigener Bank, eigener Diplomatie, eigenem Rechtssystem, eigenen Medien.
Wir gehen die Geschichte chronologisch durch — Jesus, Petrus, Paulus, Konstantin, Augustinus und die langen Schatten ihrer Erben. Am Ende steht die Frage, was diese Geschichte uns heute zu sagen hat — über die Megamaschine als langlebigste Institution Europas, über das, was sie aus einer ursprünglichen Bewegung gemacht hat, und darüber, warum die Beginen, die wir im vorigen Papier behandelt haben, von dieser Megamaschine zerschlagen werden mussten.
I. Jesus — was er nicht war
Wer historisch über Jesus spricht, betritt unsicheres Gelände. Die historische Forschung hat in den letzten zwei Jahrhunderten erheblichen Fortschritt gemacht in der Frage, was an den evangelischen Erzählungen historisch ist und was nachträgliche Gemeindetheologie. Der Konsens der heutigen historisch-kritischen Forschung — vertreten durch Forscher wie Geza Vermes, John Dominic Crossan, E.P. Sanders, Bart Ehrman, in Deutschland Gerd Theißen — ist ungefähr dieser: Jesus von Nazareth war ein jüdischer Wanderprediger, geboren wahrscheinlich um 4 vor unserer Zeitrechnung, hingerichtet zwischen 30 und 33 unserer Zeitrechnung in Jerusalem unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus. Seine Botschaft war stark apokalyptisch geprägt — er erwartete das nahe Hereinbrechen des „Reiches Gottes", in dem die bestehenden Verhältnisse umgekehrt würden. Die Armen würden reich, die Reichen arm. Die Mächtigen würden gestürzt, die Machtlosen erhöht. Die Letzten würden die Ersten sein.
Was Jesus historisch nicht war: Er war kein Begründer einer Kirche. Das Wort „Kirche" — auf Griechisch „ekklesia" — kommt in den ältesten evangelischen Quellen kaum vor. Es taucht erst in späteren Schichten auf. Die berühmte Stelle Matthäus 16,18 — „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" — gilt in der historisch-kritischen Forschung weitgehend als spätere Gemeindetheologie, nicht als historisches Jesus-Wort. Sie ist „redaktionell überformt", was eine höfliche Formel für nachträgliche Konstruktion ist. Jesus hat keine Hierarchie eingerichtet, keinen Nachfolger benannt, keine Sukzession vorbereitet. Die Vorstellung einer institutionellen Kirche mit Bischöfen, Priestern, Hierarchie, Dogma war ihm nach allem, was wir wissen, fremd.
Was Jesus war: ein religiöser und sozialer Provokateur, der gegen das Tempelpriestertum seiner Zeit auftrat, das Wechslergeschäft im Tempelhof gewaltsam störte, die etablierten Religionsführer als Heuchler beschimpfte, eine bewegliche Wandergemeinschaft um sich sammelte, in der Frauen prominente Rollen spielten, mit gesellschaftlich Geächteten — Zöllnern, Prostituierten, Aussätzigen — gemeinsam aß, und der eine Botschaft von der Gleichheit aller vor Gott vertrat, die mit den hierarchischen Strukturen seiner Zeit unvereinbar war. Er wurde dafür hingerichtet — von der römischen Besatzung, mit Beteiligung der jüdischen Tempelelite, durch die Strafe, die Rom für politische Aufrührer reservierte: die Kreuzigung.
Wer ehrlich auf Jesus schaut, sieht eine Figur, die der späteren institutionellen Kirche fremd, in vielen Punkten geradezu entgegengesetzt war. Die Beginen und Begarden, von denen das vorige Papier handelte, standen in vielen Aspekten näher an dieser ursprünglichen Bewegung — Wanderfrauen und Wandermänner ohne Hierarchie, ohne Vermittlung durch Priester, mit direktem Zugang zum Heiligen, mit Solidarität untereinander — als die Institution, die sie verfolgte. Was als „christliche Tradition" überliefert ist, hat eine doppelte Wurzel: die Botschaft Jesu und die Konstruktion der Kirche, die sich auf ihn beruft. Die beiden sind nicht identisch. Sie sind teilweise unvereinbar.
II. Petrus — eine Konstruktion
Petrus ist als Person komplex. Was wir historisch über ihn wissen, ist wenig. Er war ein Fischer aus Galiläa, einer der ersten Jünger Jesu, im engsten Kreis. Nach Jesu Tod scheint er eine führende Rolle in der Jerusalemer Urgemeinde gespielt zu haben — also in jener kleinen Gemeinschaft, die in den Jahren nach 33 in Jerusalem entstand und sich weiterhin als Teil des Judentums verstand. Die Apostelgeschichte, die in den 80er oder 90er Jahren des ersten Jahrhunderts entstand, zeichnet ihn als einen der wichtigsten Apostel. Ob Petrus historisch jemals in Rom war, ist umstritten. Die Tradition behauptet es; die historische Forschung sieht keine zwingenden Belege.
Was an Petrus aber für unser Thema entscheidend ist, ist nicht die historische Person, sondern die Konstruktion, die nach seinem Tod aus ihm gemacht wurde. Diese Konstruktion läuft über mehrere Jahrhunderte und kulminiert in der Behauptung, Jesus habe in Matthäus 16,18 Petrus zum „Felsen" der Kirche eingesetzt und ihm „die Schlüssel des Himmelreichs" anvertraut, und Petrus habe dieses Amt an seine Nachfolger — die Bischöfe von Rom — vererbt, in einer „ununterbrochenen apostolischen Sukzession" bis zum heutigen Papst.
Diese Konstruktion ist juristisch und politisch von gewaltiger Tragweite. Sie macht aus dem Bischof von Rom — einem Bischof unter vielen — die zentrale Autorität der gesamten Christenheit. Sie macht aus seinem Sitz das Zentrum der Kirche. Sie macht aus seiner Stimme den maßgeblichen Ausleger der christlichen Lehre. Sie macht aus seiner Gerichtsbarkeit das höchste Tribunal der Kirche. All das beruht auf einem einzigen Satz im Matthäus-Evangelium, der nach heutigem Forschungsstand kein historisches Jesus-Wort ist, sondern eine Gemeinde-Bildung der zweiten oder dritten Generation.
Das ist eines der bemerkenswertesten Ereignisse der europäischen Geistesgeschichte. Eine ganze Macht-Architektur — über tausend Jahre Papsttum, mit allem, was das mit sich brachte — beruht auf einem nachträglich in den Text geschmuggelten Satz. Die historisch-kritische Forschung hat das seit dem späten 19. Jahrhundert dokumentiert. Die katholische Kirche selbst räumt heute in ihrer akademischen Theologie ein, dass Mt 16,18 redaktionell ist. Aber die institutionelle Konsequenz — die Aufgabe des Papsttums-Anspruchs — wird daraus nicht gezogen. Die Konstruktion bleibt stehen, obwohl ihre Grundlage als Konstruktion erkannt ist.
Das ist eine Funktionsweise, die wir aus der Megamaschinen-Reihe wiedererkennen. Eine Institution, die einmal etabliert ist, lebt nicht mehr von der Wahrheit ihrer ursprünglichen Begründung, sondern von der Trägheit ihrer eigenen Strukturen. Wer einmal Papst ist, bleibt Papst, auch wenn der Vers, auf den sich das Papsttum gründet, nicht historisch ist. Wer einmal Bischof ist, bleibt Bischof, auch wenn die apostolische Sukzession eine nachträgliche Konstruktion ist. Die Megamaschine erzeugt ihre eigene Legitimität, indem sie weiterläuft.
III. Paulus — der eigentliche Begründer
Wenn jemand als der eigentliche Begründer der christlichen Megamaschine zu nennen ist, dann ist es Paulus. Er war es, der die kleine jüdische Sekte, die sich auf Jesus berief, in eine universelle, von der jüdischen Tradition losgelöste, hierarchisch strukturierbare Religion verwandelte. Er war es, der die theologischen Grundlagen lieferte, auf denen die spätere Kirche aufbauen konnte. Er war es, der die organisatorischen Strukturen entwarf, die aus den Hausgemeinden eine Institution machen würden. Er war es, der die Formel lieferte, die fast zwei Jahrtausende lang die Unterwerfung unter weltliche Macht religiös legitimieren sollte.
Paulus, mit dem jüdischen Namen Saulus, war kein Jünger Jesu. Er hat Jesus zu Lebzeiten nie getroffen. Er war ein hellenisierter Jude aus Tarsos in Kilikien, römischer Bürger, in der pharisäischen Tradition gebildet. Nach eigenen Angaben verfolgte er ursprünglich die christlichen Gemeinden — bis er ein Bekehrungserlebnis hatte, das er als Christophanie auf dem Weg nach Damaskus beschreibt. Er begann zu missionieren, vor allem unter Nichtjuden — Griechen, Römern, Kleinasiaten — und er beanspruchte für sich den Titel „Apostel der Heiden".
Paulus' theologisches Werk besteht aus den sieben Briefen, die heute als unbestritten von ihm verfasst gelten — Römerbrief, beide Korintherbriefe, Galaterbrief, Philipperbrief, erster Thessalonicherbrief, Philemon. Sie sind die ältesten Schriften des Neuen Testaments, älter als die Evangelien. Sie sind das Fundament der christlichen Theologie. Was Paulus in ihnen entwickelt, ist eine Lehre von Sünde, Erlösung, Glaubensrechtfertigung, die mit der historischen Botschaft Jesu nicht identisch ist. Wo Jesus von der Umkehr und vom kommenden Reich Gottes sprach, spricht Paulus von der Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Christi. Wo Jesus eine konkrete soziale Praxis predigte, predigt Paulus eine theologische Konstruktion. Wo Jesus die Gleichheit aller vor Gott in der konkreten Lebensgemeinschaft lebte, legt Paulus die theoretische Grundlage dafür, dass diese Gleichheit nur als geistliche, nicht als soziale verstanden werden darf.
Die Schlüsselstelle ist Römer 13,1-7: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen." Diese Sätze sind die Gründungsformel des christlichen Leviathans. Sie machen aus jeder weltlichen Macht — auch der ungerechtesten — eine gottgewollte Einrichtung, der man sich religiös zu unterwerfen hat. Sie haben über zwei Jahrtausende hinweg Sklaverei, Leibeigenschaft, Despotie, Diktatur und faschistische Regime religiös legitimiert. Sie sind eine der einflussreichsten politischen Texte der Weltgeschichte — und sie stammen von einem Mann, der Jesus nie getroffen hat und dessen Botschaft dem Geist der Bergpredigt diametral entgegensteht.
Hinzu kommen Paulus' Stellen zu Frauen — der Befehl, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen (1. Korinther 14,34), die Anordnung der hierarchischen Geschlechterordnung (Epheser 5,22 — „Ihr Frauen, seid untertan euren Männern als dem Herrn"), die theologische Begründung der weiblichen Unterordnung mit dem Sündenfall Evas (1. Timotheus 2,11-14, der zwar nicht von Paulus selbst stammt, aber unter seinem Namen kanonisiert wurde). Diese Texte haben zwei Jahrtausende lang die patriarchale Geschlechterordnung religiös legitimiert. Sie sind die Grundlage, auf der die Beginen verfolgt wurden, die Hexenverfolgung lief, die Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen wurden — und sie wurden nicht von Jesus, sondern von Paulus und seinen Schülern formuliert.
Wer Paulus liest, sieht klar: Die Verschiebung von der Jesus-Bewegung zur christlichen Kirche ist nicht eine natürliche Entwicklung, sondern ein Bruch. Paulus ist der Architekt dieses Bruchs. Er hat aus einer egalitären, antihierarchischen, antiimperialen Bewegung eine Religion gemacht, die mit jeder Hierarchie, jedem Imperium, jeder Herrschaftsstruktur kompatibel ist. Das war die Voraussetzung dafür, dass sie dreihundert Jahre später Staatsreligion eines Weltreiches werden konnte.
IV. Konstantin — die Reichskirche
Im Jahr 312 gewann ein römischer Heerführer namens Flavius Valerius Constantinus eine entscheidende Schlacht an der Milvischen Brücke vor den Toren Roms gegen seinen Rivalen Maxentius. Die Tradition berichtet, er habe vor der Schlacht ein Zeichen am Himmel gesehen — das Christus-Monogramm — und mit den Worten „In hoc signo vinces" („In diesem Zeichen wirst du siegen") gesiegt. Was historisch tatsächlich geschah, ist unsicher. Was politisch geschah, ist klar. Konstantin wurde Kaiser und förderte die christliche Kirche.
313 erließ er gemeinsam mit dem östlichen Kaiser Licinius das Edikt von Mailand, das die Religionsfreiheit für Christen festschrieb. Das war das Ende der Christenverfolgung. Es war auch der Anfang von etwas anderem. Konstantin verstand schnell, dass die christliche Kirche eine politisch nutzbare Struktur war. Sie hatte über zweihundert Jahre Verfolgung überstanden. Sie hatte Netzwerke, Disziplin, Loyalität ihrer Mitglieder. Sie hatte eine theologische Sprache, die sich für imperiale Zwecke instrumentalisieren ließ.
325 berief er das Konzil von Nicäa ein — das erste „ökumenische" Konzil der Christenheit. Anlass war der Streit zwischen Bischof Athanasius von Alexandria und dem Presbyter Arius über die Frage, ob Christus dem Vater wesensgleich („homoousios") oder nur wesensähnlich („homoiousios") sei. Eine theologische Spitzfindigkeit, mag man denken. In Wahrheit war es eine Machtfrage. Athanasius vertrat die Position, dass Christus als wesensgleich mit Gott zu denken sei — was die Autorität der Kirche, die ihn lehrt, ins Absolute steigerte. Arius vertrat die Position, dass Christus dem Vater untergeordnet sei — was die kirchliche Autorität relativierte. Konstantin entschied sich für Athanasius. Das Bekenntnis von Nicäa wurde formuliert. Wer es nicht unterschrieb, wurde verbannt — die ersten beiden Bischöfe, die sich weigerten, gingen ins Exil.
Damit war ein Präzedenz geschaffen, der die nächsten 1700 Jahre tragen sollte. Theologische Streitigkeiten wurden nicht mehr in der Gemeinde ausgetragen, durch Diskussion und gemeinsame Suche. Sie wurden auf Konzilen entschieden, mit imperialer Beteiligung, durch Mehrheitsbeschluss, mit Strafen für die Minderheit. Der Begriff „Häresie" — auf Griechisch ursprünglich nur „Wahl, Schule, Richtung" — bekam eine neue Bedeutung. Häresie war von nun an die Position, die im Konzil verloren hatte. Häretiker waren von nun an die Verfolgten der eigenen Kirche.
Konstantin selbst ließ sich erst auf dem Sterbebett 337 taufen — wahrscheinlich, weil die Taufe nach damaliger Vorstellung alle Sünden tilgte und er als Kaiser viele Sünden auf dem Konto hatte, darunter die Hinrichtung seines eigenen Sohnes Crispus und seiner Frau Fausta. Was er hinterließ, war nicht eine bekehrte Person, sondern eine bekehrte Institution. Die Kirche, die unter ihm vom verfolgten Außenseiter zur staatsnahen Großorganisation wurde, war von da an Teil des Imperiums — und das Imperium war Teil der Kirche. Was Hobbes 1300 Jahre später als „Gespenst des Römischen Reiches" beschrieb, beginnt hier.
380 ging Theodosius I. den letzten Schritt. Mit dem Edikt „Cunctos populos" erklärte er das nizänische Christentum zur Staatsreligion. Andere Religionen waren nicht mehr nur geduldet — sie waren verboten. 391 schloss er die heidnischen Tempel. 392 verbot er den Götzendienst. Damit war die Reichskirche vollendet. Was als verfolgte Bewegung von unten begonnen hatte, war zur verfolgenden Großmacht von oben geworden — innerhalb von achtzig Jahren.
V. Augustinus — die theologische Vollendung
Das, was Konstantin politisch und institutionell aufbaute, brauchte eine theologische Fundierung. Diese lieferte Augustinus, Bischof von Hippo Regius in Nordafrika (354-430). Er ist neben Paulus der einflussreichste Theologe der westlichen Christenheit. Was er schrieb, hat die katholische Theologie bis heute geprägt — und über die Reformatoren, die sich ausdrücklich auf ihn beriefen, auch die protestantische.
Augustinus' Hauptwerk „De civitate Dei" (Vom Gottesstaat) entstand zwischen 413 und 426 als Reaktion auf die Plünderung Roms durch die Westgoten 410. Heiden machten das Christentum für den Untergang Roms verantwortlich — die alten Götter, die Rom geschützt hätten, seien durch das Christentum verdrängt worden, deshalb sei Rom gefallen. Augustinus antwortete mit einer Theorie der Geschichte, in der Rom nur eine vorübergehende Episode war. Es gebe zwei Reiche — die civitas terrena (das irdische Reich, das durch Selbstliebe und Macht regiert wird) und die civitas Dei (das Gottesreich, das durch Gottesliebe regiert wird). Das eine sei vorübergehend, das andere ewig. Die Kirche sei das Vorzeichen, fast die Vorform der civitas Dei.
Diese Theorie hatte ungeheure Wirkung. Sie machte aus der Kirche das Eigentliche und Wesentliche der Geschichte. Sie machte aus dem Imperium das Vorübergehende und Beiläufige. Damit war eine Hierarchie aufgerichtet, die den ganzen Mittelalter prägen sollte: Die Kirche steht über dem Staat, weil sie das Ewige repräsentiert, während der Staat nur das Zeitliche verwaltet. Das war die theologische Grundlage des mittelalterlichen Investiturstreits, der Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser, der Behauptung des Papstes auf die Vormacht über alle weltlichen Herrscher.
Augustinus' zweite große Lehre war die Erbsündenlehre. Er entwickelte die These, dass mit Adams Sündenfall die ganze Menschheit in einer korrumpierten Verfassung lebt. Jeder Mensch ist von Geburt an sündig. Ohne die Gnade Gottes — die durch die Sakramente der Kirche vermittelt wird — kann er nicht erlöst werden. Diese Lehre hatte zwei massive Konsequenzen. Erstens machte sie die Kirche zur unverzichtbaren Vermittlerin des Heils. Wer ohne Taufe stirbt, ist verloren — auch ungetaufte Kinder. Wer keine Beichte ablegt, kann nicht erlöst werden. Wer die Sakramente verweigert, ist von Gott getrennt. Die Kirche bekam damit eine Macht über das ewige Schicksal jedes einzelnen Menschen.
Zweitens lieferte die Erbsündenlehre die anthropologische Grundlage für die Notwendigkeit von Herrschaft. Wenn der Mensch von Natur aus korrumpiert ist, braucht er Aufsicht, Strafe, Disziplin. Er kann nicht sich selbst überlassen werden. Er muss geführt werden. Diese Konstruktion legitimierte über tausend Jahre hinweg jede Form von Autorität — die Autorität des Vaters über die Frau und die Kinder, des Herren über den Knecht, des Königs über das Volk, der Kirche über den Christen. Sie ist das, was später Hobbes in säkularer Form wiederholen wird: Der Mensch ist im Naturzustand „des Menschen Wolf" und braucht den Leviathan, der ihn im Zaum hält. Augustinus hat das gleiche Argument in religiöser Form gemacht — der Mensch ist von Erbsünde verdorben und braucht die Kirche, die ihn zur Erlösung führt.
Augustinus' dritte folgenreiche Lehre war die Rechtfertigung der „compelle intrare" — der Zwangsbekehrung. Im Donatistenstreit, der die nordafrikanische Kirche im 4. und 5. Jahrhundert spaltete, wandte sich Augustinus zunächst gegen den staatlichen Zwang. Später änderte er seine Meinung. Mit Berufung auf eine Stelle aus dem Lukasevangelium („compelle intrare" — „nötige sie hereinzukommen", Lk 14,23) rechtfertigte er den Einsatz staatlicher Gewalt zur Bekehrung von Häretikern. Das war eine theologische Innovation von gewaltiger Tragweite. Sie lieferte die Grundlage für die Inquisition, für die Albigenser-Kreuzzüge, für die Beginen-Verfolgung, für die Hexenverfolgung, für die Bekehrungs-Mission in Amerika. Wer die Lehre der Kirche nicht annehmen wollte, durfte mit Gewalt dazu gezwungen werden — theologisch begründet von Augustinus.
VI. Was die Megamaschine im fünften Jahrhundert war
Mit Augustinus' Tod 430 — er starb in der von den Vandalen belagerten Stadt Hippo — ist die Architektur der christlichen Megamaschine im Westen im Wesentlichen vollendet. Sie hat alle Komponenten, die sie über die nächsten 1500 Jahre tragen werden.
Sie hat eine Hierarchie — Papst, Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe, Priester, Diakone — die theologisch durch die apostolische Sukzession (Petrus-Konstruktion) und institutionell durch die imperiale Anerkennung (Konstantin) gestützt ist.
Sie hat ein Dogmen-System, das auf Konzilen entschieden wird und das jeder Christ unter Strafe der Häresie und damit der Verfolgung anzunehmen hat (Nicäa-Modell).
Sie hat ein Sakrament-System — Taufe, Eucharistie, Beichte, später noch fünf weitere —, das den Zugang zum Heil monopolisiert (Augustinische Erbsündenlehre).
Sie hat eine politische Theorie, die ihren Vorrang vor dem Staat begründet (Augustinische Zwei-Reiche-Lehre, später radikalisiert in der päpstlichen Theokratie).
Sie hat eine Legitimation für staatliche Gewalt zur Durchsetzung ihrer Lehre (Augustinische compelle-intrare-Doktrin).
Sie hat eine Legitimation für die Unterwerfung unter weltliche Herrscher, soweit diese sie unterstützen (paulinisches Römer 13).
Sie hat eine Legitimation für die patriarchale Geschlechterordnung, die Frauen aus jedem Amt ausschließt und ihre Lebensformen reguliert (paulinische Stellen).
Sie hat ein Vermögen — Land, Gebäude, Einnahmen, das im Lauf der nächsten Jahrhunderte zur größten Eigentumsmacht Europas werden wird.
Diese acht Komponenten zusammen sind eine Megamaschine. Sie ist nicht von einer Person gebaut. Sie ist über vier Jahrhunderte aus mehreren Personen, mehreren Konzilen, mehreren imperialen Entscheidungen herausgewachsen. Niemand hatte sie als ganze geplant. Jede einzelne Komponente war für ihre Zeit begründbar. Zusammengenommen ergaben sie ein Konstrukt, das die nächsten anderthalb Jahrtausende dominieren würde — und das in seiner heutigen Form noch immer existiert.
VII. Wie die Megamaschine wuchs — die langen Jahrhunderte
Was Augustinus angelegt hatte, wurde in den folgenden Jahrhunderten ausgebaut. Im fünften und sechsten Jahrhundert übernahm die Kirche zunehmend die Verwaltungsfunktionen, die das zerfallende Westreich nicht mehr leisten konnte. Die Bischöfe wurden zu Stadtherren, die Klöster zu Wirtschaftszentren, die Bibliotheken zu den einzigen Orten der Buchproduktion. Die Kirche überlebte den Untergang des Westreichs, weil sie strukturell flexibler war als die imperialen Institutionen.
Im achten Jahrhundert kam die karolingische Allianz. Pippin der Jüngere wurde von Papst Stephan II. 754 zum König gesalbt — eine theologische Innovation, die aus der weltlichen Herrschaft eine sakrale machte und damit den Papst als denjenigen positionierte, der Könige machen kann. Im Gegenzug schenkte Pippin dem Papst ein Territorium in Mittelitalien — den Beginn des Kirchenstaats, der bis 1870 bestehen sollte. Die Verflechtung von Papsttum und Frankenherrschaft kulminierte 800 in der Krönung Karls des Großen zum Kaiser durch Papst Leo III. — wieder eine Demonstration der päpstlichen Macht, einen Weltherrscher einzusetzen.
Im elften Jahrhundert kam der Investiturstreit. Papst Gregor VII. wagte mit dem Dictatus papae 1075 die radikalste Formulierung der päpstlichen Ansprüche — der Papst könne Kaiser absetzen, allein das päpstliche Amt sei universal, niemand könne den Papst richten. Heinrich IV. ging 1077 nach Canossa, um die Exkommunikation aufzuheben. Es war der Höhepunkt der päpstlichen Macht. Was hier zur Form fand, war die Megamaschine in voller Gestalt — eine Institution, die Imperien über sich stellte, weil sie die Sakramente kontrollierte, die jeder Mensch zum Heil brauchte.
Im dreizehnten Jahrhundert kamen die Kreuzzüge gegen die eigenen Konkurrenten. Der Albigenserkreuzzug von 1209 bis 1229 zerstörte die katharische Bewegung in Südfrankreich — eine massive antiklerikale Frömmigkeitsbewegung mit eigenen Traditionen. Hunderttausende Tote, ganze Städte ausgelöscht (Béziers 1209: das berühmte „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen"). Im selben Jahrhundert wurde die Inquisition als ständige Institution etabliert — zunächst gegen die Katharer, dann gegen die Beginen und Begarden, dann gegen die Waldenser, dann gegen die Templer, dann gegen die Juden, dann gegen die Mauren in Spanien, dann in der Frühen Neuzeit gegen die Hexen. Die Megamaschine hatte ihre permanente Vollstreckungs-Maschinerie etabliert.
Im sechzehnten Jahrhundert kam die Reformation als Bruch — aber nicht als Auflösung. Luther, Zwingli, Calvin wandten sich gegen die katholische Hierarchie, aber sie übernahmen die paulinischen und augustinischen Grundlagen. Luther war ein leidenschaftlicher Augustiner — die Erbsündenlehre, die Rechtfertigungslehre, die Lehre von der Obrigkeit als gottgesetzt (Römer 13) wurden von ihm nicht abgemildert, sondern verschärft. Was die Reformation veränderte, war die institutionelle Form — nicht ein Papsttum, sondern viele Landeskirchen — aber das Megamaschinenprinzip blieb. Die protestantischen Kirchen waren nicht weniger autoritär als die katholische. Luther stand 1525 explizit auf der Seite der Fürsten gegen die aufständischen Bauern und schrieb das berüchtigte Pamphlet „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern", in dem er zum Massaker an den Bauern aufrief — mit Berufung auf Römer 13.
VIII. Hobbes' Frontispiz — die Megamaschine als Bild
Wir kommen zurück zu Hobbes' Frontispiz von 1651. Wer die sechzehnhundertjährige Geschichte vor Augen hat, sieht dieses Bild anders. Der Riese, der das Schwert in der Rechten und den Bischofsstab in der Linken hält, ist nicht Hobbes' Erfindung. Er ist die historische Realität der christlichen Megamaschine, die Hobbes vorlag.
Was Hobbes machen wollte, war eine Reform — er wollte beide Schwerter dem weltlichen Souverän übertragen, damit nicht zwei konkurrierende Mächte (Papst und Kaiser, Bischof und König) den Bürgerkrieg auslösen. Sein Souverän sollte beide Funktionen integrieren. Das ist eine säkulare Variante dessen, was die Kirche selbst seit Konstantin gemacht hatte — die Vereinigung weltlicher und geistlicher Macht in einer Hand. Nur sollte die Hand jetzt eine weltliche sein, nicht mehr eine geistliche.
Was Hobbes nicht voraussah, war, dass beide Modelle weiterlaufen würden, parallel und ineinander verschränkt. Der moderne Staat hat seit dem 17. Jahrhundert Macht gesammelt, die früher kirchlich war — Bildung, Wohlfahrt, Familie, Moral, Gewaltmonopol. Aber die Kirche hat ihre Macht nicht aufgegeben. Sie hat sich umgestaltet, aber sie ist geblieben. In Italien hat der Vatikan 1929 mit Mussolini die Lateranverträge geschlossen und seinen eigenen Staat — die Vatikanstadt — gegründet. In Deutschland hat die katholische Kirche im Reichskonkordat 1933 mit Hitler vereinbart, dass sie ihre institutionellen Strukturen behalten kann, wenn sie sich politisch zurückhält — ein Pakt, der später nicht aufgekündigt wurde. In den meisten europäischen Staaten gibt es bis heute Konkordate, Kirchensteuern, Religionsunterricht an staatlichen Schulen, theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten. Die Kirche hat den Bischofsstab nicht abgegeben. Sie hat nur einen Teil ihrer Macht an den Staat geteilt.
IX. Die Megamaschine heute
Die katholische Kirche heute ist eine der ältesten ununterbrochenen Institutionen der Welt. Sie zählt nach eigenen Angaben rund 1,4 Milliarden Mitglieder weltweit, also etwa siebzehn Prozent der Weltbevölkerung. Sie hat einen eigenen Staat — die Vatikanstadt — mit eigener Diplomatie, eigener Bank (das Istituto per le Opere di Religione, IOR), eigener Verwaltung, eigenen Gesetzen. Sie hat ein eigenes Rechtssystem (das kanonische Recht). Sie hat ein eigenes Bildungswesen, das von der Grundschule bis zur Universität reicht. Sie hat ein eigenes Gesundheitssystem mit weltweit tausenden Krankenhäusern. Sie hat ein eigenes Sozialwesen. Sie hat eine geschätzte Vermögensbasis, die in ihrer Größenordnung schwer zu beziffern ist, aber sicher zu den größten institutionellen Vermögen der Welt zählt.
Die protestantischen Kirchen sind in den letzten Jahrzehnten zwar geschrumpft — vor allem in Westeuropa — aber sie sind weiter institutionell präsent, mit Konkordaten, Kirchensteuern, eigenem Bildungswesen, eigenem Sozialwesen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat heute (Stand 2024) noch etwa 18 Millionen Mitglieder, die katholische Kirche in Deutschland 20 Millionen. Zusammen sind das knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Sie sind über die Kirchensteuer mit dem Staat verflochten — der Staat zieht für sie die Beiträge ein, behält dafür eine Verwaltungsgebühr, schützt das Steuerprivileg gegen Reformversuche.
Was die Kirchen heute charakterisiert, ist nicht mehr die Verfolgung von Häretikern mit dem Scheiterhaufen. Sie haben ihre direkte Gewaltmacht im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts an den Staat verloren. Was sie behalten haben, ist die institutionelle Trägheit, die Vermögensbasis, die rechtlichen Sonderstellungen, die soziale Präsenz, die mediale Macht. Sie sind nicht mehr die Megamaschine, die sie im 13. Jahrhundert waren. Aber sie sind eine Megamaschine geblieben.
Die Skandale der letzten Jahrzehnte — der Missbrauchsskandal, die Vermögensverwaltung, die Vatikanbank-Affären, die Geldwäschevorwürfe, die Vertuschungen — haben gezeigt, dass die institutionelle Logik der Megamaschine noch immer greift. Wer Missbrauch begeht, wird von der Institution geschützt, weil ihre Erhaltung wichtiger ist als die Aufklärung. Wer Aufklärung fordert, wird marginalisiert. Wer austritt, wird ignoriert. Die Mechanismen sind dieselben, mit denen schon im 14. Jahrhundert die Beginen behandelt wurden — nur die Methoden sind subtiler geworden.
X. Was an dieser Geschichte besonders bedrückend ist
Was an der Geschichte des christlichen Leviathans besonders bedrückend ist, ist nicht ein einzelnes Verbrechen. Es ist die Geduld der Konstruktion und die Geduld der Liquidation, die sie über sechzehn Jahrhunderte vollzogen hat. Es ist die Tatsache, dass eine Bewegung, die ursprünglich antiautoritär, antiimperial, egalitär war, in eine Institution verwandelt wurde, die zur stärksten Stütze von Autorität, Imperium und Hierarchie wurde — und dass diese Verwandlung nicht in einem revolutionären Akt geschah, sondern in tausenden kleinen Schritten, von denen jeder einzelne begründbar erschien.
Paulus dachte vermutlich nicht, dass er einen Leviathan baut. Er wollte die christliche Botschaft einer hellenistischen Welt zugänglich machen. Konstantin dachte vermutlich nicht, dass er eine Megamaschine schafft. Er wollte das Reich stabilisieren. Augustinus dachte vermutlich nicht, dass er die Inquisition vorbereitet. Er wollte den Donatistenstreit lösen. Jeder einzelne Schritt war pragmatisch, situativ, begründbar. Zusammen ergaben sie ein Bauwerk, das ihre eigenen Vorstellungen weit übertraf.
Das ist die Funktionsweise der Megamaschine in Reinkultur. Sie wird nicht bewusst gebaut. Sie entsteht aus einer Folge von Entscheidungen, die jede für sich rational ist und deren kumulativer Effekt niemand explizit gewollt hat. Sie wird, wenn sie einmal etabliert ist, nicht mehr in Frage gestellt — weil ihre Strukturen sich selbst legitimieren, weil ihre Träger ihre Existenz nicht mehr hinterfragen, weil ihre Konkurrenten zerschlagen werden, bevor sie zur Bedrohung werden.
Was Jesus war — eine antiautoritäre, egalitäre, antiimperiale Stimme — wurde in das Gegenteil verwandelt, ohne dass die Verwandlung als solche je explizit beschlossen worden wäre. Sie geschah, weil sie der Logik der Macht entsprach. Wer Macht hatte, baute sie aus. Wer keine Macht hatte, wurde in die Strukturen der Macht eingegliedert. Wer sich der Eingliederung widersetzte, wurde liquidiert. Die Beginen waren nur eine in einer langen Reihe von Bewegungen, die sich diesem Vorgang widersetzten und dafür zerschlagen wurden.
XI. Was zu erinnern ist
Wer heute über die Kirchen nachdenkt, sollte zwei Dinge gleichzeitig im Blick behalten. Das eine ist, dass die Kirchen — sowohl die katholische als auch die protestantischen — Großorganisationen mit Geschichte sind, mit eigenen positiven Beiträgen (Bildung, Sozialwesen, kulturelles Erbe) und mit ihrer dunklen Seite (Inquisition, Frauenverfolgung, Missbrauch, autoritäre Strukturen). Sie pauschal zu verurteilen wäre falsch. Sie pauschal zu verharmlosen wäre genauso falsch.
Das andere ist, dass die Kirchen als institutionelle Form das sind, was wir Megamaschine nennen — nicht als Anomalie, sondern als ein der frühen und langlebigsten Beispiele dieser Form. Wer die Megamaschine verstehen will, kann an den Kirchen ihre Mechanismen besonders gut studieren — die Diffusion der Verantwortung über viele Akteure, die Akkumulation kleiner Entscheidungen zu großen Konsequenzen, die Auslöschung der Erinnerung an Konkurrenten, die Selbstlegitimation durch institutionelle Trägheit, die Resistenz gegen jede Reform, die nicht von oben kommt.
Was an dieser Geschichte besonders wichtig ist zu erinnern, ist die ursprüngliche Botschaft. Jesus war kein Autoritärer. Er war kein Hierarch. Er war kein Verteidiger der bestehenden Ordnung. Er war ein Wanderprediger, der gegen die religiösen und politischen Autoritäten seiner Zeit auftrat und dafür hingerichtet wurde. Was unter seinem Namen über die folgenden Jahrhunderte gebaut wurde, war in vielen Aspekten das Gegenteil dessen, was er gelebt hatte. Diese Differenz zu sehen, ist nicht antichristlich. Sie ist im Gegenteil das, was Jesus selbst getan hätte — die Religion, die seinen Namen trägt, gegen die Botschaft zu prüfen, die er hinterließ.
Die Beginen, von denen das vorige Papier handelte, haben das in ihrer Weise getan. Sie haben sich auf die Gleichheit aller vor Gott berufen, die der ursprünglichen Botschaft entspricht. Sie haben gelebt ohne die Vermittlungsstrukturen, die der Leviathan errichtet hatte. Sie wurden dafür verfolgt — von einer Institution, die sich auf den Mann berief, an dessen Botschaft sie näher waren als die Institution selbst. Das ist die Tragik der christlichen Geschichte.
XII. Schluss — der Riese und die Stimme
Hobbes' Riese steht heute noch. Er hat sich gewandelt, geteilt, entstellt — aber er ist nicht verschwunden. In seiner einen Hand hält er den Bischofsstab — die institutionelle Macht der Kirchen, die in Europa schwächer wird, in anderen Teilen der Welt aber wächst (in Afrika hat das Christentum heute mehr Anhänger als in Europa). In seiner anderen Hand hält er das Schwert — die staatliche Macht, die in vielen Aspekten die früheren Funktionen der Kirche übernommen hat. Beide Hände gehören demselben Körper.
Was leise weiterlebt, ist die andere Stimme — die Stimme der antiautoritären Wanderprediger, der Beginen und Begarden, der Mystiker, der Friedenskirchen, der Befreiungstheologen, der Basisgemeinden in Lateinamerika, der vielen kleinen Gruppen, die sich auf die ursprüngliche Botschaft berufen, ohne in den Megamaschinen-Modus zu fallen. Sie sind klein. Sie werden marginalisiert. Sie werden vergessen. Aber sie sind da.
Die christliche Megamaschine ist eines der dauerhaftesten Bauwerke der europäischen Geschichte. Sie wurde aus einer antiautoritären Bewegung gemacht. Sie hat ihre Konkurrenten über sechzehn Jahrhunderte verfolgt. Sie hat ihre eigene Erinnerung selektiv konstruiert. Sie steht heute noch, wenn auch in gewandelter Form. Wer ihre Geschichte erinnert, ohne in pauschale Verurteilung zu fallen, kann zugleich anerkennen, was sie geleistet hat, und sehen, was sie unterdrückt hat. Beides gehört zur Wahrheit.
Wer heute jung ist und über Religion nachdenkt, muss diese Geschichte kennen, um eine eigene Position finden zu können. Es geht nicht darum, gegen Religion zu sein. Es geht darum, zwischen der ursprünglichen Botschaft und der Megamaschine, die sich auf sie beruft, unterscheiden zu können. Wer das nicht unterscheidet, fällt entweder in unkritische Verteidigung oder in pauschale Ablehnung. Beides ist zu wenig.
Die Beginen haben das auf ihre Weise verstanden. Sie haben die ursprüngliche Botschaft gelebt — Gleichheit, Solidarität, direkter Zugang zum Heiligen, Freiheit zur eigenen Lebensgestaltung — und sie haben das gemacht, ohne mit der Megamaschine zu brechen, sondern indem sie eine eigene Form fanden, die parallel existieren konnte. Die Megamaschine hat das nicht ertragen. Sie hat sie liquidiert. Aber sie hat ihre Botschaft nicht ausgelöscht. Sie ist noch hier, in den Texten, in den Beginenhöfen, in den wenigen Initiativen, die sich heute auf sie berufen.
Das gilt für die größere Botschaft, an die sie sich anlehnten, genauso. Sie ist nicht ausgelöscht. Sie ist verschüttet unter sechzehn Jahrhunderten institutioneller Konstruktion. Wer sie wieder hervorholt, hat eine Tradition gewonnen, die viel älter ist als die Institution, die sich auf sie beruft. Das ist die Aufgabe für alle, die heute über Religion nachdenken — die Konstruktion zu erkennen und die Stimme darunter zu hören. Beides verlangt Geduld. Beides verlangt Differenzierung. Beides verlangt die Bereitschaft, sich nicht von den großen Institutionen vorschreiben zu lassen, was Religion ist.
Hobbes hatte recht — der Riese mit Schwert und Bischofsstab ist eine reale Macht. Er hatte aber auch nicht ganz recht. Es gibt die andere Stimme. Sie war immer da. Sie ist heute noch da. Wer sie hören will, muss leiser werden als der Riese.